Nachklang.FM

Kurzhörspiele

Nachklang erzählt Kurzhörspiele mit wenigen Figuren und viel Raum für Stimmen und Klang. Es geht um Trauer und Fürsorge, um Würde, Macht und Kontrolle und um die Frage, wem man noch glauben kann.

Es sind Geschichten über Schuld und Schweigen, über das, was Menschen einander antun und füreinander tun, manchmal im selben Atemzug. Leise erzählt, unausweichlich im Verlauf. Was danach bleibt, lässt sich schwer beschreiben. Aber es bleibt. Es klingt nach.

Jedes Hörspiel hat eine eigene Welt, die mit der Geschichte mitgeht. Such dir unten eines aus und hör hinein.

  • Als Podcast hören

Alle Kurzhörspiele

Mit Marlene, Herbert Krauss und Ingrid

Die Sprachnachricht ist 47 Sekunden lang, und Marlene kennt nur ihre ersten Sätze. Ihre Mutter Ingrid hat sie ihr an ihrem letzten Morgen geschickt, um 7:30 Uhr, als Marlene in einem Büro in Charlottenburg über Druckfahnen stritt. Sie sah die Nachricht erst am Abend. Seit 2 Jahren hat sie sie nicht angerührt, aus Angst, dass am Ende ein Vorwurf steht.

An einem Dienstagabend klingelt sie bei Herbert Krauss, dem Nachbarn ihrer Mutter. Er ist Witwer und kannte Ingrid 40 Jahre. Seine Wohnung riecht nach Bohnerwachs und altem Holz, in der Schrankwand stehen Porzellanfiguren, die niemand mehr abstaubt. Im Flur hängt ein Foto von 1978: Ingrid und Herberts Frau Gertrud an der Ostsee, Arm in Arm. Herbert bietet Kamillentee an. Marlene setzt sich auf die Sofakante, als wolle sie gleich wieder gehen.

Dann legt sie das Telefon auf die Häkeldecke zwischen ihnen und bittet Herbert um etwas, das sie selbst nicht schafft: die Nachricht bis zum Ende anzuhören und ihr zu sagen, was ihre Mutter zuletzt gesagt hat. Herbert hält das Telefon ans Ohr und schließt die Augen. Die Wanduhr tickt.

Im Mittelpunkt steht die Angst vor den letzten Worten eines geliebten Menschen und das Schuldgefühl, an jenem Morgen nicht zugehört zu haben.

  • Trauer
  • Schuld
  • Fürsorge
  • Liebe
  • Schweigen
  • Verlust
16:22
Welt betreten

Dystopie

Verifiziert

Mit Mark Bremer und System

„Guten Abend“, sagt das Auto, während Mark Bremer gegen die Tür drückt und Rauch riecht. Nach einem Unfall sitzt er fest, die Türen bleiben verriegelt. Das Sicherheitssystem Smart Shield Premium öffnet sie erst, wenn es seine Identität verifiziert hat. Zu seinem Schutz, wie es erklärt.

Mark soll einen Satz sprechen: „Ich bestätige, dass ich der Policeninhaber Mark Bremer bin und autorisiere die Notentriegelung.“ Er schreit ihn. Doch seine Panik passt nicht zum hinterlegten Muster, und das System verlangt eine erweiterte emotionale Verifizierung. Außerdem teilt es mit, dass seine Frau Sarah als verknüpfte Policeninhaberin benachrichtigt wurde. Alles, was ab jetzt gesagt wird, wird protokolliert und ist für sie einsehbar.

Das System bleibt dabei warm und höflich. Es kennt die Daten, die mit Marks Police verknüpft sind, und will, dass er Satz für Satz bestätigt, was er bisher für sich behalten hat. Das Auto brennt, und jede Antwort wird mitgeschrieben.

Im Mittelpunkt stehen Scham und Kontrolle und ein Mann, der beweisen muss, wer er ist, und dabei mehr preisgeben soll, als er je sagen wollte.

  • Hilflosigkeit
  • Schuld
  • Scham
  • Kontrolle
  • Identität
  • Familie
4:51
Welt betreten

Experimentell

Zu Viel

Am Anfang steht ein einziger Satz: „Ich kann das alles nicht mehr hören.“ Dann kommen die Worte, von allen Seiten zugleich und dicht an dicht: Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Rassismus, Krieg, Gewalt. Große Begriffe, schwere Begriffe, wie sie jeden Tag aus Nachrichten, Gesprächen und Schlagzeilen kommen.

Das Stück besteht aus diesem einen Raum, der sich füllt, lauter, schneller, dichter, bis sich die einzelnen Worte kaum noch voneinander trennen lassen. Welches davon hängen bleibt, ist bei jedem ein anderes. 2023 wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache „Krisenmodus“ zum Wort des Jahres, weil der Ausnahmezustand längst zum Dauerzustand geworden sei.

Ein Stück über Überforderung und über den Moment, in dem man all das nicht mehr hören kann und trotzdem weiter hinhört.

  • Überforderung
  • Angst
  • Gewalt
  • Rassismus
  • Fürsorge
  • Solidarität
  • Wahrnehmung
1:03
Welt betreten

Mit Anna und Karl

„Es tut mir leid.“ Einmal im Leben will Karl diesen Satz laut gesagt haben, bevor es zu spät ist. Er liegt todkrank in einem abgedunkelten Zimmer, die Vorhänge zugezogen, weil ihm sogar das Licht wehtut. Der Arzt gibt ihm vielleicht noch 2 Tage. An sein Bett hat er Anna gebeten, seine geschiedene Frau, die er in ihrer Ehe immer wieder geschlagen hat.

Anna setzt sich auf den Stuhl und schweigt lange. Karl spricht von einem Gewicht, das wie ein Stein auf seiner Brust liegt und das er nicht mitnehmen will. Dann beginnt Anna zu reden. Statt der Vergebung, um die er bittet, bringt sie ihre Erinnerung mit, Jahr für Jahr.

Sie erzählt von den Donnerstagen, an denen Stammtisch war, und davon, wie sie gelernt hat, seine Schritte auf der Treppe zu lesen. Von Sonntagmorgen mit Brötchen und Kaffee, an denen Karl seine rechte Hand auf ihre legte und sie die gute Hand nannte. Von Lukas, dem gemeinsamen Sohn, von Frau Berger im oberen Stock und von Nachbarn, die im Treppenhaus über das Wetter redeten. Karl greift nach Wörtern wie Fehler und Kontrollverlust. Anna wiederholt jedes einzelne, und keines hält ihr stand.

Es geht um Gewalt hinter verschlossenen Türen, um das Schweigen ringsum und darum, was eine Entschuldigung wiegt, die 25 Jahre zu spät kommt.

  • Gewalt
  • Trauma
  • Erinnerung
  • Schuld
  • Schweigen
  • Vergebung
33:48
Welt betreten

Mit Mara Berger und Emine Yilmaz

Mara Berger packt die Wohnung ihres Vaters in Kisten und spricht dabei mit seinen Möbeln. Es ist der Nachmittag nach der Beerdigung. Er hat alles beschriftet: Besteck, Sicherungen, Winterdecken, sogar die Batterien in kleinen Tütchen. Die Garantie für den Wasserkocher von 1998 hat er auch aufgehoben. „Du warst schon anstrengend ordentlich“, sagt Mara.

Im Ordner „Haus“ liegen zwischen Hausgeldabrechnungen und Protokollen der Eigentümerversammlung Briefe an die Hausverwaltung, alle ohne Absender. Es geht um Kinderlärm im Innenhof, um fremde Gerüche im Treppenhaus, um Schuhe vor der Wohnungstür und einen Kinderwagen im Fluchtweg, und immer um Familie Yilmaz. Dazu kommen Fotos, vom Fenster aus aufgenommen. Unterschrieben ist jeder Brief mit „ein besorgter Hausbewohner“. Mara sucht nach Erklärungen: Er war einsam, er war alt.

Dann klingelt es. Emine Yilmaz bringt die Schale zurück, in der sie am Vortag Suppe gebracht hat, und sagt, nach einer Beerdigung räume man immer zu früh auf oder zu spät. Mara bittet sie kurz herein. Emine sieht den Ordner und erkennt ihn, nicht an der Pappe, sondern an den Sätzen.

Es geht um die Trauer um einen Menschen, den man zu kennen glaubte, und um die Gewalt, die sich hinter dem Wort „besorgt“ verbergen kann.

  • Trauer
  • Schuld
  • Rassismus
  • Verantwortung
  • Schweigen
  • Gewalt
17:02
Welt betreten

Experimentell

Kopfhöhe

Mit Johann und Das Tier

Das Kalb geht keinen Schritt weiter. Es ist 6 Monate alt, lahmt und frisst schlecht, und der Bauer hat am Telefon gesagt, es lohne sich nicht mehr. Dienstag, 5:16 Uhr: Johann ist allein im Schlachtraum, die anderen kommen erst um 7. Seit 43 Jahren ist er Schlachter, wie sein Vater. Gelernt hat er es mit 12.

Johann redet mit dem Tier, wie er es immer getan hat. Nicht viel, nur so viel, dass die Hände ruhig bleiben. Sein Vater hielt davon nichts: Wer redet, macht aus Vieh Besuch. An diesem Morgen erzählt Johann mehr als sonst, auch von seiner Tochter Mara, die als Kind wissen wollte, ob Kühe Namen haben.

Auch das Kalb erzählt. Der Boden zieht kalt in sein lahmes Bein, das Licht ist hart, der Mann riecht nach Seife, Eisen und Nacht. Es merkt, dass er ihm auf die Füße sieht und nicht ins Gesicht. Und dass seine Stimme etwas will, wenn sie weich wird.

Im Kern geht es um Gewissen und Würde und um die Sätze, mit denen sich ein Mensch ein Leben lang ruhig hält.

  • Gewissen
  • Schuld
  • Gewalt
  • Würde
  • Verantwortung
19:13
Welt betreten

Tragikomödie

Unerzählbar

Mit Maren Vogt

Der Kater heißt Dieter, benannt nach Marens Exfreund, und zwar nicht aus Wehmut: Der echte Dieter war genauso fett, faul und überzeugt davon, dass ihm die Wohnung gehört. Der Erzähler hatte auf einen Hauch von Tragik gehofft. Er hat 7 Semester Germanistik studiert und möchte aus dem Morgen von Maren Vogt ein Drama machen. Maren ist 35, arbeitet am Empfang einer Zahnarztpraxis in Oldenburg und fragt gleich, warum er redet wie ein Hörbuch.

Unter der Dusche soll sie über die Leere ihres Lebens nachdenken. Tatsächlich überlegt sie, ob sie abends Sushi bestellt oder selbst kocht. Der Pickel am Kinn bleibt ein Pickel, der Kaffee bleibt Kaffee, schwarz mit 2 Zucker. Als der Erzähler im Franzbrötchen die deutsch-französische Sehnsucht entdeckt, erinnert sie ihn daran, dass es ein Gebäck mit Zimt ist.

Maren fällt ihm ins Wort, streicht seine Bilder und übt zwischendurch, ihn selbst zu erzählen. Auf dem Rad zur Arbeit liegt die Schillerstraße bei ihm im Morgenlicht wie eine Straße. In der Praxis wartet Herr Wilmers, der Angstpatient, und der Erzähler muss lernen, worüber man sich lustig machen darf.

Eine Tragikomödie über die Frage, wer ein Leben erzählen darf: der Mensch, der es führt, oder einer, der es gern bedeutender hätte.

  • Wahrnehmung
  • Identität
  • Nähe
19:42
Welt betreten

Experimentell

Du hörst schön

Ein halbes Lächeln, ein Paar Hände, die Stelle am Hals, an der man den Puls sieht: Mehr braucht es nicht, und Links und Rechts geraten ins Schwärmen. Du bist mittendrin, Links auf der einen Seite, Rechts auf der anderen, und die beiden sagen dir, was sie an dir mögen. „Du hörst schön“, ist das Erste. Gleich danach kommt: „Bleib da.“

Sie mögen, wie du da bist, nicht laut, einfach da, als wäre das dein Talent. „Ziemlich“ finden sie untertrieben. Wegdrehen gilt nicht, Links ist mit dir noch lange nicht fertig. Aus „noch 5 Minuten“ neben dir werden im Wechsel 10, dann 20, dann der ganze Morgen.

Du bist für sie der Mensch, mit dem man auf einer Party in der Küche landet, wo man zu viel erzählt und es nicht bereut. Das kleine Lächeln, das du nicht ganz rauslässt, mögen sie besonders. Es ist verspielt, ein wenig albern und wird mit jedem Satz wärmer.

Ein Hörspiel über Zuneigung, die keinen Grund braucht, und über die kleine Mühe, sie einfach anzunehmen.

  • Liebe
  • Nähe
  • Wahrnehmung
  • Vertrauen
8:53
Welt betreten

Experimentell

Bleib kurz so

„Nicht erschrecken. Ich bin links.“ Kurz darauf meldet sich Rechts, nicht näher und nicht weiter weg, und dazwischen bist du, oder vielleicht nur dein Hören. Mehr soll das erst einmal nicht sein. Als Links beteuert, niemanden festzuhalten, antwortet Rechts trocken, dass genau das alle behaupten, die festhalten wollen. Also keine Versprechen.

Links würde trotzdem gern etwas Nettes sagen. Rechts bremst: Nähe wird schnell anmaßend, wenn sie schöne Schuhe trägt. Also suchen die beiden etwas Kleineres und bleiben bei einem einzigen Satz: Du hörst. Kein Dank, kein gutes Benehmen. Zwischendurch fällt ein Satz, den Rechts schön und unbrauchbar findet und trotzdem mag. „Leider.“

Die beiden kennen 2 Arten von Aufmerksamkeit. Die eine will sofort arbeiten: verstehen, einordnen, schützen. Die andere merkt nur, dass da jemand spricht, geht bis an den Rand und bleibt dort stehen. Das ist schwerer, als es klingt.

Ein Stück über Nähe, die um ihre eigene Gefahr weiß und deshalb lieber einen Schritt zu früh stehen bleibt.

  • Nähe
  • Grenzen
  • Vertrauen
  • Fürsorge
  • Wahrnehmung
5:48
Welt betreten

Tragikomödie

Erzähl mich nicht

Mit Jens Berger

Jens Berger hat seine Laken am Sonntag gewaschen, 60 Grad, Buntwäsche. Sein Erzähler behauptet trotzdem, sie seien seit mindestens 2 Wochen nicht gewaschen. Seit der Wecker um 6:15 Uhr geklingelt hat, erzählt diese Stimme seinen Tag so traurig wie möglich: Jens, 42, Systemadministrator bei einer Firma für Sanitärbedarf, Einzimmerwohnung im zweiten Stock links, Klingelschild schief.

Der Erzähler hat Literatur studiert. Er macht aus der Zahnbürste ein Sinnbild aufgegebener Hoffnungen und aus dem Kühlschrank eine Höhle der Einsamkeit. Jens widerspricht, so genau er kann: Der Bürstenkopf ist neu, Dreierpack für 4,99 Euro. Im Kühlschrank liegen Eier, Käse und ein halber Brokkoli, die andere Hälfte landete gestern in der Penne. Im Bus der Linie 7 grüßt er Herrn Petersen, der ihm neulich Ochsenherztomaten mitgebracht hat.

Aber der Erzähler kennt auch die Kapitel, die Jens lieber überspringt. Er weiß von Kathrin und von Lina, seiner Tochter, 9 Jahre alt, die bei ihrer Mutter lebt. Und er findet, dass ein leerer Stuhl in der Küche mehr ist als ein Platz für Jacken. Den ganzen Tag streiten die beiden darüber, wessen Geschichte das hier eigentlich ist.

Eine Tragikomödie über einen gewöhnlichen Tag und über die Frage, wer entscheidet, ob ein Leben traurig ist.

  • Identität
  • Wahrnehmung
  • Einsamkeit
  • Familie
  • Trennung
19:20
Welt betreten

Mit Martin Kessler und Renate Scholz

„Besondere Vorkommnisse: keine“, spricht Oberstleutnant Martin Kessler ins Dienstprotokoll. Wie jede Nacht. Er ist 54, seit 28 Jahren im Dienst und sitzt allein vor den Bildschirmen der Kommandozentrale Schacht 9, 200 Meter unter der Erde. Neonlicht summt, der Kaffee ist kalt, die Ablösung kommt erst um 6.

Dann flackert der Bildschirm, es ist 3:47 Uhr. Rotes Licht pulst über die Betonwände, auf der Karte Mitteleuropas nähern sich 4 rote Punkte, eine Uhr zählt rückwärts. Über die verschlüsselte Leitung meldet sich Oberst Renate Scholz aus dem Lagezentrum, 70 Kilometer entfernt und hellwach. Sie gibt den Code durch und erteilt den Befehl zum Vergeltungsschlag. Für die Startsequenz bleiben 12 Minuten.

Martin arbeitet die Schritte ab, mit Griffen, die er hundertfach geübt hat. Unter seinen Füßen vibriert der Boden. Für den letzten Schritt muss er einen kleinen silbernen Schlüssel nehmen, der in einer Glasvitrine an der Seitenwand auf rotem Samt liegt. Es sind 3 Schritte bis dorthin.

Das Hörspiel erzählt von Gehorsam und Gewissen und von einem Menschen in einer Ordnung, die für seine Fragen keinen Platz vorsieht.

  • Verantwortung
  • Gehorsam
  • Gewissen
  • Kontrolle
  • Familie
  • Macht
21:22
Welt betreten

Mit István und Marlene

Zwiebeln zuerst, weiße, keine roten, in dünne Halbringe geschnitten, nicht gewürfelt. „Sie müssen verschwinden.“ So beginnt István sein Gulaschrezept, und Marlene schreibt es Wort für Wort in ein Schulheft mit marmoriertem Einband. Wie jeden Donnerstag ist sie in seine Küche in Wien-Favoriten gekommen. Heute stehen Gewürzdosen auf dem Tisch, aufgereiht wie Soldaten, daneben ein gusseiserner Topf.

Nicht die Möbel sollen bleiben, nicht die Fotos, sagt István, nur dieses Rezept. Zu jeder Zutat fällt ihm etwas von früher ein. Der Edelsüßpaprika hat die Farbe des Himmels über Budapest im Winter 1956. Die Geduld beim Rösten erinnert ihn an 3 Tage in einem kalten Keller in Sopron, bevor er ohne Schuhe über die Grenze ging. Marlene schreibt auch das Ungarische mit: „két perc“, 2 Minuten.

Beim Kümmel besteht István auf genau 7 Gramm, nicht 6, nicht 8. Der Lorbeer stammt vom Balkon, Majoran gibt es nur sonntags, und bei 160 Grad ist Schluss. An der Wand hängt das verblichene Foto einer Frau neben einem Bündel getrockneter Paprika. Das Nachmittagslicht wandert über die Dosen, und die Wanduhr tickt lauter, je stiller es in der Küche wird.

Erzählt wird, was von einem Leben bleibt, wenn man es in Gramm und Messerspitzen aufschreibt.

  • Erinnerung
  • Liebe
  • Vergänglichkeit
  • Verlust
  • Fürsorge
  • Schuld
23:17
Welt betreten

Drama

35%

Mit Markus Brenner, Renate und Dr. Weidner

Um 6:30 Uhr schätzt Markus Brenner seine Kraft auf 35 Prozent und beginnt zu rechnen. Duschen kostet 12, Anziehen 5, Frühstück 8. Was übrig bleibt, gehört dem Termin um 14 Uhr, wenn Dr. Weidner kommt, der als Gutachter der Rentenversicherung über seinen Antrag entscheidet. Markus war 14 Jahre Lehrer für Deutsch und Geschichte. Jetzt lebt er mit ME/CFS in einer Zweizimmerwohnung im dritten Stock eines Dortmunder Altbaus, die Rollos halb heruntergelassen, und schreibt in ein liniertes Notizbuch, was jeder Handgriff kostet.

Der Tag besteht aus Entscheidungen, die andere nicht einmal bemerken: duschen oder aufräumen, im Stehen essen, weil der Weg zum Küchenstuhl zu viel verlangt. Der Wasserhahn tropft seit Monaten. Seine Mutter Renate ruft an, voller Sorge und mit Ratschlägen vom Fernsehprofessor bis zur Kur an der Nordsee. Markus erklärt ihr geduldig, was Erschöpfung von dem unterscheidet, was er hat. Im Stapel ungeöffneter Briefe auf dem Küchentisch warten Krankenkasse, Rentenversicherung und Versorgungsamt. Durch die dünne Wand hört er die Nachbarn beim Mittagessen.

Als Dr. Weidner schließlich auf der Sofakante sitzt, stellt er höfliche, sachliche Fragen. Markus legt sich jede Antwort zurecht. Er hat sich ein sauberes Hemd angezogen und die Medikamentenschachteln stehen lassen. Das Notizbuch liegt griffbereit.

Ein Hörspiel über einen Mann, der seine letzte Kraft einsetzt, um glaubhaft zu sein, und über die Frage, wie man Krankheit beweist, die man nicht sehen kann.

  • ME/CFS
  • chronische Krankheit
  • Hilflosigkeit
  • Würde
  • Isolation
20:40
Welt betreten

Thriller

Restschuld

Mit Cem, Jule und Leitstelle

Regen trommelt auf das Dach des Rettungswagens, und Cem füllt die Stille mit Fragen. Der Wagen steht auf dem Autobahnparkplatz Lehrter See zwischen Hannover und Braunschweig, gegen Ende einer 12-Stunden-Schicht, auf dem Armaturenbrett 3 leere Kaffeebecher. Ob sie das kenne, fragt Cem, so müde zu sein, dass man nicht mehr schlafen kann. Jule, die Notärztin neben ihm, meint, wenn er so weitermache, höre man am Ende noch die Scheibenwischer denken.

Immer wieder wandert Cems Hand zur Jackentasche, in der etwas Laminiertes steckt. Der Reißverschluss klemme manchmal, sagt er. „Der klemmt seit 6 Monaten“, sagt Jule. Sie denkt an den nächsten Einsatz und nur an den, alles andere nennt sie Luxus.

Dann meldet die Leitstelle einen Unfall auf der A2: Ein Auto an der Leitplanke, eine Frau eingeklemmt. Ihr Name ist Doris Weidner. Cem kennt ihn von einem Einsatz vor 6 Monaten, bei dem er und Jule ihrem Mann nicht mehr helfen konnten. Er will, dass die Leitstelle jemand anderen schickt. Jule sagt nur: „Gurt. Jetzt.“ Mit Blaulicht geht es durch den Regen, und zwischen Fahrer- und Beifahrersitz fährt der Einsatz von damals mit.

Erzählt wird von Schuld und Schweigen im Rettungswagen und von der Frage, was Menschen einander schulden, die sich nachts blind aufeinander verlassen müssen.

  • Schuld
  • Verantwortung
  • Wahrheit
  • Vertrauen
  • Schweigen
19:29
Welt betreten

Mit Hannes Vogt und Margot Brenner

Hannes Vogt hat seine Kündigung auf einem handgeschriebenen Zettel bekommen: „Letzte Sendung. Danke für alles.“ Der Zettel liegt zwischen 2 Kaffeeflecken auf dem Mischpult in Studio 3 eines Lokalsenders. Seit 20 Jahren moderiert Hannes hier das Nachtprogramm Frequenzwechsel, heute zum letzten Mal. Hinter der Glasscheibe sind die Schreibtische leer, über der Tür glüht das rote Sendelicht.

Die Stimme sitzt, warm und tief, mit einer Prise Ironie. Zwischen den Platten gibt Hannes zu, dass er so etwas wie Erleichterung spürt. Er glaubt, dass niemand es merken wird, wenn ab morgen eine Maschine an seiner Stelle redet. Das Telefon auf dem Pult schweigt die meisten Nächte.

Kurz nach 2 Uhr klingelt es doch. Margot Brenner entschuldigt sich für die späte Störung und hat einen Musikwunsch: ein Lied für jemanden, der nicht mehr zuhören kann. Welches Stück, fragt Hannes. „Das wissen Sie doch, Herr Vogt.“ Sie kenne ihn seit dem 14. Oktober 1997, sagt sie, und fragt, ob sie erzählen darf.

Es geht um Treue: die eines Mannes zu einer Sendung, die keiner zu brauchen scheint, und die einer Hörerin zu einer Stimme in der Nacht.

  • Schuld
  • Verantwortung
  • Wahrheit
  • Vertrauen
  • Schweigen
22:38
Welt betreten

Mit Judith und Lena

Ein Rohrbruch im Flur treibt nach der letzten „Medea“ der Saison das ganze Ensemble des Bochumer Schauspielhauses in eine einzige Garderobe. Braunes Wasser sickert unter der Tür durch, am Spiegel flackern 2 Glühbirnen, es riecht nach Puder und feuchtem Putz. Lena hat an diesem Abend die Medea gespielt. Es gab Standing Ovations, sogar der Mann vom Feuilleton hat mitgeklatscht. Für Lena ist klar: Das ist ihre Handschrift, dieses Stück gehört ihr.

Judith sitzt schon seit einer halben Stunde am Schminktisch. Sie ist 48, seit 20 Jahren fest im Ensemble und stand heute im Chor. Die Vorhänge hat sie gezählt, es waren 4. Die meisten spielten Medeas Zorn, sagt sie, Lena aber habe die Vernunft gespielt. Und der Chor habe in diesem Stück nur eine Aufgabe: Er bezeugt. Jeder ihrer Sätze ist höflich, und unter jedem liegt ein zweiter.

Als die beiden die Kostüme zusammenräumen, löst sich aus dem Saum des schweren, dunkelroten Medea-Kleids ein kleines Buch in abgegriffenem Leder. Ein Regiebuch mit vergilbten Seiten, am Rand dicht beschrieben. Judith schlägt es auf und beginnt zu lesen.

Im Kern geht es darum, wem eine Rolle gehört und was zum Vorschein kommt, wenn sie nichts mehr verdeckt.

  • Identität
  • Erinnerung
  • Schuld
  • Wahrheit
  • Angst
  • Mutter-Tochter-Beziehung
  • künstlerisches Erbe
19:12
Welt betreten

Experimentell

Sand

Mit Martin

Kaffee, Zeitung und ein Sonnenstreifen, der jeden Morgen quer über den Tisch fällt, genau auf die Zuckerdose: So beginnt Martins Tag, seit er in Rente ist. Von seinem Fenster aus sieht er den Park, in dem nur noch eine Eiche ihr Laub festhält. Nebenan übt der Nachbar seit 3 Monaten dasselbe Lied auf der Gitarre. Es wird nicht besser, aber man hört, dass da jemand ist.

Martin erzählt, was ihm in den Sinn kommt. Von der Werkstatt seines Vaters, die nach Holz und Maschinenöl roch, das nie wieder von den Fingern abging. Vom Anis im Brot, das seine Mutter samstags backte. Und von Hanna, die immer hier am Fenster stand und in den Park schaute, ohne etwas zu sagen. Ihr hat er Zimtschnecken mit Rosinen mitgebracht, obwohl er Rosinen nicht ausstehen kann. Erinnerungen, hat sie gesagt, sind wie Füchse: Sie kommen, wenn sie wollen, nicht wenn man ruft.

Manchmal verrutscht ihm ein Wort. Aus den Farben werden kurz Garben, aus dem Balkon wird etwas, das es nicht gibt. Dann verbessert er sich und erzählt weiter. Er schiebt es auf den Kaffee, der zu stark war, oder darauf, dass er noch nicht richtig wach ist.

Im Kern geht es um eine Liebe, die in kleinen Dingen lag, und um alles, was Martin Hanna nie gesagt hat.

  • Verlust
  • Trauer
  • Erinnerung
  • Liebe
  • Wahrnehmung
18:40
Welt betreten

Mit Nora Steinfeld und August

In einer Prager Gasse, so schmal, dass man sich kaum aneinander vorbeischieben kann, liegt gegenüber der astronomischen Uhr eine Tür ohne Schild. Dahinter ticken Dutzende Uhren, keine im gleichen Takt. Es riecht nach Maschinenöl und Messingstaub. In der Mitte des Raums steht ein Glaskasten, darin eine Figur in verblichenen osmanischen Gewändern, die Messinghände über einem Schachbrett gefaltet.

Nora Steinfeld ist aus Berlin gekommen. Sie entwickelt neuronale Netze und will verstehen, nicht glauben. Die Geschichte des Schachtürken kennt sie: Im Kasten saß ein Mensch, der die Partien lenkte. Doch der alte Uhrmacher August hat beim Restaurieren hinter einer doppelten Blende einen zweiten Mechanismus gefunden, 362 Zahnräder, 17 Federsysteme und eine Nockenwelle, dicht wie ein Wald aus Messing.

August zieht die Feder auf, Nora eröffnet mit e4, und der Arm des Automaten antwortet sizilianisch. Zug um Zug passt die Partie weniger zu allem, was Nora kennt, von Stockfish bis AlphaZero. Ein Turmzug, der wie ein Fehler aussieht, steht 3 Züge später genau richtig. „Er spielt nicht optimal“, sagt sie. „Er spielt schön.“

Ein Hörspiel über Einsamkeit und Vertrauen und über die Frage, woran man Denken erkennt, wenn es sich nicht erklären lässt.

  • Einsamkeit
  • Wahrnehmung
  • Verantwortung
  • Würde
  • Vertrauen
21:44
Welt betreten

Mit Heinrich Möller und Die Palme

Die Palme ist eine Grünkohlpflanze. Sie steht in der hintersten Ecke einer Parzelle am Dobbenteich in Oldenburg, unter einer selbstgebauten Plane, und eigentlich dürfte es sie längst nicht mehr geben. Grünkohl wird höchstens 2 Jahre alt. Die Palme hat 47 Winter überstanden.

An einem eisigen Februarmorgen kniet Heinrich Möller wieder vor ihr, 78 Jahre alt, im selben Mantel wie seit 30 Jahren, der nach Tabak und Erde riecht. Er bringt ihr warmes Wasser mit ein bisschen Zucker, wie jeden Morgen seit 1977, und spricht Platt mit ihr: „Moin, mien Deern.“ Er erzählt von der Kohlfahrt damals, als er mit Werner, Dieter, Klaus und dem ollen Hannes den Bollerwagen durch halb Oldenburg zog und Grünkohlkönig wurde. Von den Freunden lebt keiner mehr.

An diesem Morgen antwortet die Palme. Ihre Stimme klingt wie Wind durch erfrorene Blätter, und sie weiß noch, wie Werner das Königslied gesungen hat: falsch, wie immer, aber mit viel Herz. Die Glocken der Lambertikirche schlagen 11 Uhr, und Heinrich sitzt auf der gefrorenen Erde und hört zu.

Ein Wintermärchen über Erinnerung, alte Freundschaft und die Treue eines Mannes, der jeden Morgen wiederkommt.

  • Erinnerung
  • Loslassen
  • Trauer
  • Vergänglichkeit
  • Liebe
14:14
Welt betreten

Mit Gerold

Im Park am Kastanienweg riecht es nach nassem Laub, die Stadt schläft noch, und Gerold Schäfer sitzt schon auf seiner Bank. Er ist 71, trägt Winterjacke und Cordhose und hat eine Thermoskanne dabei und ein kleines Notizbuch mit abgestoßenen Ecken. Auf jeder Seite 2 Spalten, mit dem Lineal gezogen: links die Uhrzeit, rechts, was er im Wohnblock gegenüber sieht.

4:07 Uhr, drittes Stockwerk, zweites Fenster von links: Frau Kessler macht als Erste Licht, vermutlich wecken sie ihre 3 getigerten Katzen. Auf dem Müllcontainer wartet die Krähe mit dem krummen Schnabel. Dabei spricht Gerold mit Margret, die das Buch 1998 angefangen hat, in einer kleineren, ordentlicheren Schrift als seiner. Früher stand sie oben am Fenster und winkte, und er wusste, dass die Welt an ihrem Platz ist.

Je mehr Fenster hell werden, desto schärfer wird sein Blick. Henkel im zweiten Stock ist zu früh wach, im vierten bewegt sich ein Vorhang, am Parkrand steht jemand mit Kapuze. Aus den Beobachtungen werden Verdachtsmomente, und Gerold notiert sie mit der Genauigkeit von 40 Jahren im Dienst.

Eine Geschichte über Trauer und Gewohnheit und darüber, wie sich der Blick auf die Welt verändert, wenn man sie allein betrachtet.

  • Trauer
  • Verlust
  • Erinnerung
  • Wahrnehmung
  • Loslassen
17:04
Welt betreten

Mit Konrad Braun und Judith Langhoff

Wenn Konrad Braun erzählt, malen seine Hände Wellen in die Luft, und der Sauerstoffschlauch an seiner Nase wippt mit. Er ist schwer krank und liegt in einem Krankenhausbett in seiner Hamburger Einzimmerwohnung nahe dem Isebekkanal. Es riecht nach Kamillentee und nach Medizin. An der Wand hängt ein Stadtplan von Lissabon.

Am Küchentisch, zwischen Medikamentenschachteln, sitzt die Ghostwriterin Judith Langhoff mit Laptop und Aufnahmegerät. Konrad hat sie beauftragt, seinen Nachruf zu schreiben. Sie wartet, bis er so weit ist, und sie ist gut im Warten.

Heute, am 6. März, geht es um den 14. September 1987. Konrad erzählt von einem Segeltörn vor Cascais, von einem Licht, das weder golden noch weiß ist, und von der Esperança, 12 Meter lang, mit einem Mahagonideck, das sich unter den Füßen warm anfühlt. Er erzählt von 14 Grad kaltem Wasser und einem Mann darin, den er an Bord zieht. Seine Stimme wird dabei voll und warm, als hätte jemand eine Lampe hinter seinen Augen eingeschaltet. Judith schreibt mit.

Im Mittelpunkt steht die Frage, was von einem Menschen erzählt werden soll, wenn er selbst die Worte wählt.

  • Sterben
  • Einsamkeit
  • Wahrheit
  • Würde
  • Lebensmut
  • Vergänglichkeit
20:11
Welt betreten

Mit Margret und Horst

Auf Parzelle 27 steht noch der Kirschbaum, den Werner im ersten Jahr gepflanzt hat. Margret ist mit Müllsäcken gekommen. Sie will die Sachen ihres verstorbenen Mannes durchsehen und den Pachtvertrag kündigen, mehr nicht. Da grüßt Horst von Parzelle 28 über den Zaun und bietet ihr Kaffee an, der schon den ganzen Nachmittag dort steht. Der Becher hat keinen Henkel mehr, seit Werner ihn beim Umtopfen fallen ließ.

Bevor sie die Säcke füllt, führt Horst sie durch die Beete. Die Fetthenne hat Werner gegen Lavendelableger getauscht, mit Gerda Bülow von Parzelle 9, die ihm jedes Wochenende Streuselkuchen brachte. Den Rittersporn hat er 3 Jahre lang immer wieder neu gesetzt. An den Himbeeren, die längst in den Hauptweg wuchern, hing ein Schild: „Bitte zugreifen. Wer Marmelade kocht, bringt mir ein Glas.“ Im Schuppen liegen 3 Rollen Folie für einen Teich mit Seerosen.

Zu Hause hat Werner wenig geredet und stundenlang auf dem Sofa gesessen. Hier draußen, sagt Horst, war er nicht zu bremsen. Jeden Samstag haben die beiden Kaffee getrunken, den Zaun dazwischen, und Margret erfährt von einem Mann, der ihr vieles davon nie erzählt hat.

Ein Hörspiel über Trauer und über einen schweigsamen Mann, von dem ausgerechnet der Nachbar am meisten zu erzählen weiß.

  • Trauer
  • Erinnerung
  • Schweigen
  • Verlust
  • Liebe
12:03
Welt betreten

Mit Hanna Lindqvist und Wolfram Brandt

Hanna Lindqvist steht am Rand einer Bühne in Hamburg-Altona, den Mantel über dem Arm, und hört ihrem Exmann beim Lesen zu. Die letzte Vorstellung ist vorbei, die Ränge sind leer, nur das Geisterlicht brennt. Wolfram Brandt liest aus seinem neuen Roman, 312 Seiten über ihre Ehe, die in 6 Wochen erscheinen sollen. Er hat ihn „Hanna“ genannt.

Hanna hat eine Kopie des Manuskripts dabei, fast jede Seite voller Anmerkungen in roter Tinte. Die Frau im Buch heißt Helena Lindberg und übersetzt aus skandinavischen Sprachen, genau wie Hanna. Wolfram nennt das Fiktion und beruft sich auf Knausgård und Roth. Hanna erinnert ihn daran, dass Knausgård seine Exfrau wenigstens gefragt hat.

Dann liest er, wie alles begann: eine Buchhandlung an der Alster, ein Dienstagmorgen im März, ein Lächeln. Hanna korrigiert Seite 23. Es war ein Antiquariat in Ottensen an einem Freitagabend im November, sie sortierte dort Bücher ein, und er fragte nach dem Preis eines Ibsen, den er dann nicht kaufte. Kapitel um Kapitel gehen die beiden durch 17 Jahre, und fast überall steht ihre Erinnerung gegen seine.

Im Kern fragt das Hörspiel, wem eine gemeinsame Erinnerung gehört, wenn nur einer sie aufschreibt.

  • Trennung
  • Erinnerung
  • Wahrheit
  • Schuld
  • Identität
26:01
Welt betreten

Mit Jonas und Nora

An den Wänden der Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel sind nur noch helle Rechtecke, wo Bilder hingen. Es riecht nach Pappe und Staub. Nach 7 Jahren teilen Jonas und Nora auf, was ihnen gemeinsam gehört: Die Kunstbände bekommt er, die Hustvedt behält sie, weil sie von ihrer Mutter ist. Für die Küchensachen will Jonas eine Liste machen.

Jonas ist Architekt und sieht in jedem Gebäude Tragwerke und Sichtachsen. Nora ist Cellistin im Kammerorchester Hamburg und hört überall Tonarten. Dann ist da noch die Schallplatte aus dem Regal: Jacqueline du Pré spielt das Cellokonzert von Edward Elgar. Jonas sagt, sie gehöre Nora. Nora sagt: „Die war immer unsere.“

Von hier aus öffnen sich andere Räume, in denen die beiden einander anders begegnen. In einer Küche hat die Milch in den Tassen eine Haut gebildet, und Nora sagt, Jonas habe die Platte nie zu Ende gehört. Jedes Mal habe er nach dem ersten Satz aufgehört.

Eine Geschichte über das Ende einer Liebe und über die Frage, ob man einem anderen Menschen je bis zum Schluss zugehört hat.

  • Trennung
  • Erinnerung
  • Verlust
  • Vertrauen
  • Vergänglichkeit
  • Schweigen
14:05
Welt betreten

Thriller

Atemzug

Mit Gerhard Westhoff und Lukas Brandt

Über ihnen hämmern die Bohrer, gedämpft durch Beton und Erde. Unten, in einem Kellergewölbe unter Essen-Stoppenberg, sitzen nach einem Einsturz der Rettungssanitäter Lukas Brandt und der Bergbauingenieur Gerhard Westhoff fest. Ein verbogener Stahlträger hält die Decke. Lukas will sich durch den Schutt graben. Gerhard hält ihn zurück: ein falsch bewegter Stein, und die nächste Lage kommt nach.

Dann schreitet Gerhard die Wände ab und rechnet. 40 Jahre lang hat er berechnet, wie viel Luft Menschen unter der Erde brauchen. 26 Kubikmeter sind es hier, zu zweit reichen sie 4 Stunden. Die Bohrer klingen nah, doch Gerhard weiß, wie weit Vibrationen tragen. Die Retter brauchen mindestens 6 Stunden. Was daraus folgt, spricht keiner aus.

Also warten sie, und die Anzeige der Stirnlampe springt von Grün auf Gelb. Lukas füllt die Stille. Er erzählt von Julia, die in 3 Wochen ihr erstes Kind bekommt, von dem Namen Emma und dem Kinderzimmer mit gelben Wänden, weil sie sich nicht auf Rosa einigen konnten. Gerhard spricht wenig: von 1987 auf der Zeche Nordstern, als er schon einmal 14 Stunden eingeschlossen war, und von Hedwig, mit der er seit 43 Jahren verheiratet ist.

Eine Geschichte über Angst und Fürsorge unter der Erde und über die Frage, was ein Leben wiegt.

  • Sterben
  • Würde
  • Verantwortung
  • Fürsorge
  • Angst
  • Lebensmut
25:20
Welt betreten

Mit Friedrich Kessler und Nora Wendt

„Es geht um Ihre Akte 1994-0371.“ Diesen Satz in blauer Tinte findet Friedrich Kessler an einem Dienstagmorgen im Mai in einem Brief ohne Absender, darüber eine Adresse in Leipzig-Plagwitz und eine Uhrzeit: 14 Uhr. Friedrich war Oberarzt in der Kinderklinik Leipzig-Süd. Nachschlagen muss er die Nummer nicht. Er geht hin.

Im 3. Stock eines Gründerzeithauses klebt eine Karte an der Tür, darauf sein Name in derselben Handschrift. Nora Wendt öffnet, Mitte 30, erst vor 3 Wochen eingezogen. Zwischen Umzugskartons stehen 2 Stühle und ein kleiner Tisch, aufgebaut wie ein Sprechzimmer. Darauf Kamillentee, ein gefaltetes Blatt und ein schmaler hellgrauer Ordner mit schief geklebtem Etikett. Friedrich erkennt die Schrift darauf. Es ist seine.

„Meine Akte, mein Recht“, sagt Nora. 1994 war sie 6 Jahre alt. Sie liest ihm vor, nicht alles, nur die Stellen, die wichtig sind, und bittet ihn, sie ausreden zu lassen. Sie will ihm erzählen, was diese Akte mit einem kleinen Mädchen gemacht hat. Friedrich hält den Teebecher mit beiden Händen und trinkt nicht.

Im Kern geht es um Verantwortung, die nicht verjährt, und um die Frage, wem die Geschichte eines Lebens gehört.

  • Schuld
  • Verantwortung
  • Identität
  • Würde
  • Vergebung
22:25
Welt betreten

Drama

Stimmen

Mit Georg, Der Richter, Der Wütende, Lukas, Der Flüsterer und Frau Kessler

Auf dem Tisch liegt ein Zettel in Georgs eigener Handschrift: „Vergiss Lukas nicht“. Wann er ihn geschrieben hat, weiß er nicht. Wahrscheinlich gestern Abend, denkt er, so etwas vergisst man eben. Georg Leitner ist 60 und lebt allein, und sein Morgen hat eine feste Ordnung: Kaffee, Zeitung, danach vielleicht endlich den Keller aufräumen.

Die Wohnung riecht nach alten Büchern und kaltem Staub. Als Georg das Fenster öffnet, antwortet ihm eine Stimme, kühl und genau. Sie weiß, wann der Zettel entstanden ist: in der Nacht, um 3:14 Uhr. Georg hält sie für das Radio, dann für Müdigkeit. „Alte Männer reden mit sich selbst“, sagt er. An seinen Schuhen klebt nasse Erde, obwohl er nur auf dem Bürgersteig war.

Bald kommt eine weitere Stimme dazu, rau und laut, die sich seit 30 Jahren unten gehalten fühlt. Dann klingelt Frau Kessler von nebenan. Sie hat ihn laut reden gehört und fragt, ob er Besuch hat. Georg sagt, es sei das Radio gewesen.

Erzählt wird von Schuld und Schweigen und von einer alten Wahrheit, die in einem stillen Leben Gehör verlangt.

  • Schuld
  • Schweigen
  • Erinnerung
  • Wahrnehmung
  • Identität
  • Trauer
  • Verantwortung
24:00
Welt betreten

Mit Lena, Dr. Bremer, Dr. Feldmann und Dr. Vasić

„Fatigue seit 6 Wochen. Halsschmerzen, geschwollene Lymphknoten, Konzentrationsprobleme.“ So will Lena Krause es sagen, genau so, ohne Konjunktive und ohne Abschwächungen. Sie sitzt im Wartezimmer der Praxis in der Schillerstraße, es riecht nach Kaffee und Desinfektionsmittel. Lena ist freiberufliche Grafikdesignerin und lebt davon, klar zu denken. Seit einem grippalen Infekt Anfang Oktober vergisst sie mitten im Satz, was sie schreiben wollte.

Ihr Hausarzt Dr. Bremer lässt ein großes Blutbild machen und rät: „Geben Sie dem Körper Zeit.“ Es folgen Internist, Kardiologe, Neurologe und HNO, Ultraschall, Belastungs-EKG und MRT. In jedem Befund steht dasselbe Wort: unauffällig. Die Akte wird dicker, und auf jeder Seite steht nur, was Lena nicht hat. Den Weg zum Supermarkt plant sie wie andere einen Umzug.

Ein Jahr nach dem Infekt schickt Dr. Bremer sie zu Dr. Feldmann in eine Tagesklinik für Psychosomatik, wo es nach Räucherstäbchen und Tee duftet. Dort hört Lena, ihr Körper spreche eine eigene Sprache. Sie widerspricht. Und doch wird die Frage lauter, ob sie ihrer eigenen Wahrnehmung noch trauen darf.

Es geht um eine Frau, die ihrem Körper glauben will, während jeder Befund etwas anderes sagt.

  • chronische Krankheit
  • ME/CFS
  • Vertrauen
  • Hilflosigkeit
  • Wahrnehmung
22:09
Welt betreten

Mit Omari und Telin

Das Moos an den Wänden wird heller, wenn man die Hand davorhält. Telin findet das wunderbar, Omari sagt nur: „Es stirbt.“ Das alte Aufklärungsschiff treibt im Mondschatten, geflickt mit Isolierband und gehärtetem Harz, und der Navigationschronometer tickt die 2 Stunden bis zum Rückflugfenster herunter.

Omari hat 17 Erstlandungen auf unkartierten Welten hinter sich, an der Akademie ist er eine Legende. Telin, die junge Kadettin, hat seine Akten gelesen und will wissen, wie es ist, als Erster einen fremden Planeten zu betreten. „Staubig, meistens“, sagt er. Dass sie im Auftrag des Rats an Bord ist, erwähnt sie nicht. In Omaris Akte gibt es 13 Jahre, die nicht zusammenpassen. Als Stimmen durch die Filter dringen, krallt sich seine Hand in die Armlehne.

Unter der Navigationsbank ertastet Telin eine Kante, die nicht zur Konstruktion gehört: ein Fach, von außen fast unsichtbar. „Lass das. Bitte“, sagt Omari, doch die Klappe ist schon offen. Darin liegt eine blaue Brotdose, verrostet, die Emaille an den Ecken abgeplatzt.

Eine Geschichte über das Schweigen eines alten Mannes und über die Frage, was schwerer wiegt: ein Auftrag oder das, was man in den Händen hält.

  • Erinnerung
  • Verlust
  • Verrat
  • Fürsorge
  • Schweigen
  • Würde
20:24
Welt betreten

Mit Jonas und Margot

Das Licht am Anrufbeantworter blinkt noch. Jonas ist in die Wohnung seiner verstorbenen Mutter Margot gekommen, um die Schränke auszuräumen. Es riecht nach Kaffee und nach ihrer Seife. Gespeichert sind 27 Nachrichten. Er drückt auf Abspielen.

Was er hört, ist seine eigene Stimme aus vielen Jahren. „Mama, ich bin's. Hör mal, ich wollte nur kurz …“ Meistens folgt eine Absage. Samstag wird leider nichts, das Projekt in Düsseldorf zieht sich. Weihnachten feiern sie bei Sabines Eltern, aber zwischen den Jahren kommt er, ganz sicher. Nächstes Wochenende bringt er den Kirschkuchen vom Bäcker an der Ecke mit. Und das Regal? „Das steht schon nicht weg.“

Jonas sitzt in der stillen Wohnung und hört sich selbst zu. Manchmal antwortet er leise auf das, was er damals gesagt hat. „5 Jahre lang dasselbe Versprechen“, sagt er in den leeren Raum. Zwischen den Anrufen meldet sich Margots Ansage und verspricht, zurückzurufen.

Es geht um Trauer und Schuld und um die Zeit, von der man glaubt, dass sie noch reicht.

  • Trauer
  • Schuld
  • Erinnerung
  • Familie
  • Schweigen
  • Vergänglichkeit
12:59
Welt betreten

Mit Reinhold Wenthin, Matthias Brückner und Gerda Thomsen

Die Zeiger der Turmuhr von Sankt Nikolai stehen auf 3 nach 11, dabei ist es erst 3 vor. Reinhold Wenthin bemerkt es schon auf dem Kiesweg. Der Uhrmachermeister für Kirchturmuhren, 61 Jahre alt, ist an einem trüben Novembervormittag nach Greifsrade in Schleswig-Holstein gekommen, um die Uhr zu eichen. Unter dem Mantelkragen trägt er an einer dünnen Kette einen kleinen Messingschlüssel.

Die Küsterin Gerda Thomsen, 73, schließt ihm die Kirche auf und sieht ihn dabei länger an als nötig. Oben in der engen Uhrwerkskammer riecht es nach Maschinenöl und altem Eisen. Das Werk stammt von Weule, Baujahr 1893, und Reinhold erkennt schnell, dass jemand es mit Absicht verstellt hat.

Dann steigt Pfarrer Matthias Brückner in den Turm und bittet ihn, das Werkzeug wieder einzupacken. Die Uhr gehe absichtlich vor, das gehöre zum Dorf. Seit 27 Jahren, sagt Gerda, kein Tag weniger. Für Reinhold ist eine Uhr, die vorgeht, eine Uhr, die lügt. Der Pfarrer nennt sie „eine Uhr, die sich erinnert“.

Ein Hörspiel über Trauer, Schuld und Schweigen und über das, was ein Dorf bewahrt, wenn es seine Uhr mit Absicht falsch gehen lässt.

  • Schuld
  • Trauer
  • Erinnerung
  • Verantwortung
  • Schweigen
22:20
Welt betreten

Mit Helmut und Margot

Helmut hört es, wenn eine Unruh 3 Hundertstel zu spät anschlägt. 40 Jahre lang hat er Uhren repariert. Jetzt sitzt er im dritten Stock eines Berliner Hauses hinter einem Spalt im Vorhang und spricht mit Renate, deren Sessel noch neben seinem steht, leicht zum Fenster gedreht, damit sie beim Lesen Licht hatte. Laut gesagt hat er zuletzt im August etwas, beim Bäcker: 2 Mischbrötchen.

Es ist ein Sonntag im November. Die meisten Wohnungen am Innenhof stehen leer, die Gerüste für die Sanierung seit März. Gegenüber im zweiten Stock wohnt Margot, früher Mezzosopran im Opernchor, 200 Vorstellungen Carmen, 150 Aida. Helmut kennt ihren Tag wie ein Uhrwerk: morgens die Umrisse am Fenster, sonntags frische Blumen auf der Fensterbank, um Punkt 4 der Tee. Ihr Gesicht hat er nie gesehen.

Auch Margot kennt den Hof genau: die graue Taube auf dem Sims, die blinden Scheiben, den dunklen Spalt im Vorhang gegenüber, der morgens um 7 erscheint und abends um 9 verschwindet. Ihren Namen hat schon lange niemand mehr ausgesprochen.

Ein Hörspiel über Einsamkeit und über die stillen Wege, auf denen Menschen einander nahekommen.

  • Einsamkeit
  • Fürsorge
  • Wahrnehmung
  • Trauer
  • Vertrauen
21:46
Welt betreten

Mit Maren und Jens

Die Hütte in den Lechtaler Alpen hat einen einzigen Raum, eine Pritsche, ein fast zugewehtes Fenster und einen gusseisernen Ofen. Maren und Jens erreichen sie im Dezember, die letzten 300 Meter blind im Schneesturm. Kein Empfang, kein Weg zurück.

Seit 26 Jahren sind die beiden verheiratet, und sie funktionieren: Wer hat die Taschenlampe, reicht das Holz, wie viel Wasser ist noch da. Maren zählt die Vorräte, 2 Müsliriegel, ein Rest Tee, Ravioli aus dem Regal. Jens schichtet das Feuer und erklärt die Lärchenwände, die Schwalbenschwanzverbindungen, den Aluminiumrahmen am Fenster. „Jens, du musst nicht die ganze Hütte analysieren“, sagt Maren.

Die Pritsche wäre breit genug für 2, doch Maren will auf dem Boden neben dem Ofen schlafen. „Es ist in Ordnung“, sagt sie, und mehr will sie dazu nicht sagen. Hinten im Regal, zwischen einer verrosteten Dose und einer Packung Salz, findet Jens ein Gästebuch mit welligen Seiten. Familie Obermaier aus Garmisch fand die Ravioli eine Katastrophe, die Aussicht hat es aber rausgerissen. Jens liest die Einträge von Fremden vor, die hier festsaßen wie sie.

Ein Hörspiel über eine lange Ehe und über das Schweigen, das sich in ihr einrichtet, wenn das Nützliche allen Raum bekommt.

  • Erinnerung
  • Schuld
  • Vertrauen
  • Verrat
  • Schweigen
  • Vergänglichkeit
28:43
Welt betreten

Mit Thomas Vetter und Marina Kowalski

Station 7 ist in dieser Nacht der einzige besetzte Platz in der Notrufzentrale München. Das Neonlicht summt über leeren Schreibtischen, es riecht nach abgestandenem Kaffee und warmem Plastik. Thomas Vetter, 52 Jahre alt und 28 davon im Dienst, zählt die Stunden bis Schichtende. Es ist Mittwoch, und mittwochs, findet er, ist es am schlimmsten: Da ruft nicht einmal mehr ein Betrunkener an.

Um 3 Uhr klingelt Linie 1. Marina Kowalski flüstert, dass jemand in ihrem Haus ist. Sie hat sich im Schlafzimmer im ersten Stock eingeschlossen und hört ihn unten in der Küche, dann auf der Treppe. Das Fenster zum Hinterhof liegt zu hoch zum Springen. Thomas tut, was er in all den Jahren gelernt hat: Er fragt nach Namen und Adresse, fordert einen Streifenwagen in die Lindenhofstraße 14 in Sendling an und bleibt in der Leitung. Marina schiebt die Kommode vor die Tür.

Dann findet das System die Adresse nicht. Thomas löscht, tippt neu, und der Cursor blinkt ihm entgegen wie ein starres Auge. Am anderen Ende atmet Marina schnell und flach, und er hält sie mit ruhigen Sätzen fest, während ihm das Hemd am Rücken klebt.

Ein unheimliches Hörspiel über einen Mann, dessen Beruf es ist, ruhig zu bleiben, und über einen Anruf, der diese Ruhe Stück für Stück auflöst.

  • Schuld
  • Erinnerung
  • Verantwortung
  • Hilflosigkeit
  • Gewalt
20:36
Welt betreten

Thriller

Statik

Mit Martin Kowalski und Viktor Dašić

Der Füller neben der Rücktrittserklärung gehört Viktor Dašić. Martin Kowalski hat ihn mitgebracht, in einen Raum 3 Stockwerke unter dem Innenministerium, um 2:14 Uhr am dritten Tag der Proteste. Ein ovaler Tisch aus den Siebzigern voller Brandflecken, eine Karaffe mit abgestandenem Wasser, an der Wand eine Uhr, deren Sekundenzeiger hängen geblieben ist.

Martin ist 44, Verfassungsrechtler und seit 48 Stunden gewählter Übergangspräsident. Viktor ist 62, General und seit 14 Jahren Staatschef. Sein Militärmantel sitzt, als wäre Parade, nur seine Hände liegen zu ruhig auf dem Tisch. Martin braucht eine einzige Unterschrift nach Artikel 17 der Übergangsverfassung, damit der Wechsel friedlich bleibt.

Viktor nennt sich den Architekten, der das Fundament gegossen hat, und Martin den Mann mit dem Vorschlaghammer. „Vertrauen braucht Generationen. Angst braucht Sekunden“, sagt er. Durch den Beton dringt die Menge draußen nur als Rhythmus herein, 100.000 Stimmen wie ein einziger Puls. Über dem Tisch flackert das Neonlicht.

Ein Hörspiel darüber, was Macht aus Menschen macht und ob ein Land ohne Angst zusammenhalten kann.

  • Macht
  • Schuld
  • Angst
  • Verantwortung
  • Demokratie
  • Gewalt
18:37
Welt betreten

Mit Clara, Susanne und Martin

Der Braten ist seit dem Morgen im Ofen, mit den Kräutern, die Clara mag. Susanne hat für das Sonntagsessen gedeckt, Martin schenkt Rotwein nach. 4 Teller stehen auf dem Tisch, 3 Menschen sitzen daran, und über den Platz, an dem niemand sitzt, spricht keiner.

Geredet wird über das, was sich bereden lässt. Clara erzählt von einem Bürogebäude in Schwabing, das ihr Team neu gestaltet, und von ein paar Tagen in Hamburg im nächsten Monat. Martin regt sich über den Stadtrat auf, der am Stadtpark bauen will. Susanne findet die Soße zu dünn, obwohl alle sie loben, und zählt Claras Gläser. Zwischen den Eltern geht es um einen Zahnarzttermin, der nicht umgebucht wurde, und um die Frage, wie viel ein einziger Anruf ist.

Jeder am Tisch hat seine eigene Art, die Stille zu halten: Susanne mit Ordnung und kleinen Ermahnungen, Martin mit einem ruhigen „Lass sie“, Clara mit dem nächsten Glas und dem Angebot, sich um alles zu kümmern.

Ein Hörspiel über eine Familie, die gemeinsam trauert und dabei jeden Satz um einen leeren Platz herum baut.

  • Trauer
  • Familie
  • Schweigen
  • Verlust
6:15
Welt betreten

Mit Cora und Farah

Vor dem Fenster blättert die Rinde der Platane ab, in Stücken von Weiß, Grün und hellem Braun, und ganz am Rand hat der Neckar die Farbe von Zinn. Es ist März 2023 in Tübingen. Cora, Biologin für Molekulare Ökologie, sitzt an einem Eichenschreibtisch, der für das Zimmer viel zu groß ist, neben sich Bodenproben aus dem Schönbuch und eine blühende Phalaenopsis. Sie beginnt ein Experiment: ein sensorisches Archiv, gesprochen in ein Diktiergerät.

Festhalten will sie, was keine Kamera einfängt. Der erste Eintrag gilt dem Kaffee, Arabica bei 92 Grad, mit über 800 Aromastoffen. Bald beschreibt sie lieber, wonach er wirklich riecht: nach 6 Uhr morgens und nach einer Stille, die gerade erst aufgestanden ist. Es folgen der Regen, Götterblut auf Stein, das Weißbrot mit Kümmel, das ihre Mutter sonntags gebacken hat, und ein Regenbogen, kaum größer als eine Briefmarke, den ein Wasserglas auf die Tischplatte legt.

Mit jedem Eintrag wird das Archiv persönlicher. Cora wollte katalogisieren und merkt, dass sich ein Geruch kaum von einer Erinnerung trennen lässt und ein Geschmack kaum von dem Menschen, mit dem man ihn geteilt hat.

Im Kern ist es eine Geschichte über das genaue Hinsehen und über den Wunsch, die Welt für später aufzubewahren.

  • Erinnerung
  • Identität
  • Verlust
  • Fürsorge
  • Vergänglichkeit
  • Wahrnehmung
27:08
Welt betreten

Mit Marion

Zimmer 7 liegt am Ende des Flurs: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Fenster zum Garten. Seit dem Nachmittag ist es frei. Am 14. November um 3:12 Uhr sitzt die Krankenschwester Marion im Aufenthaltsraum der Palliativstation, neben sich eine kalte Tasse Kaffee und ein Brötchen, das sie seit 6 Stunden nicht angerührt hat. Sie kann nicht schlafen und mit niemandem reden. Also spricht sie in ein Diktiergerät.

Seit 12 Jahren arbeitet Marion auf Station 3. Manche, die hier waren, sind ihr geblieben, eine Bibliothek aus Menschen, die außer ihr niemand mehr kennt. In dieser Nacht holt sie sie hervor, alle aus Zimmer 7: Herrn Wiegand, den alten Schreiner mit den großen Händen, der nach seiner Tochter Christina ruft. Jonas Breuer, 20 Jahre alt, mit einer Liste auf dem Handy: einmal Nordlichter sehen, einmal nachts in einem See schwimmen, wenn keiner zuschaut. Frau Engel, die wirklich so heißt.

Dazwischen erzählt Marion von sich. Von den 3 Minuten, die sie sich zum Weinen erlaubt, hinter der abgeschlossenen Badezimmertür, bevor sie das Gesicht wäscht und den Kittel glattstreicht. Und von ihrer Freundin Katja, die immer wieder fragt, wie sie das jeden Tag schafft.

Erzählt wird von der Fürsorge am Ende eines Lebens und davon, was sie denen abverlangt, die bleiben.

  • Fürsorge
  • Hilflosigkeit
  • Sterben
  • Trauer
  • Einsamkeit
  • Würde
34:01
Welt betreten

Mit Karl, Sabine und Matthias

„Wohin sollen die Bücher? In mein Auto oder in deins?“ Matthias und Sabine räumen die Wohnung ihres verstorbenen Vaters Karl aus. Allein das Regal füllt einen halben Transporter, denn Karl hat nie ein Buch weggegeben. Die Mutter warnte früher, irgendwann würden die Bücher sie alle im Schlaf erdrücken. Dann sterbe er wenigstens gebildet, sagte Karl.

Ganz hinten in einer Schublade, unter Briefen, findet Sabine seinen Kassettenrekorder. Darin steckt eine Kassette ohne Etikett. Sie drückt auf Play, und Karl beginnt zu sprechen: „Ich weiß nicht, wann ihr das hier findet. Ob draußen Sommer ist oder Winter.“

Er erzählt von seinem Vater, der jeden Morgen eine Minute lang aus dem Fenster schaute und auf die Frage, was er da sehe, nur ein Wort sagte: „heute“. Als Karl 22 war, reichte sein Geld für 2 Monatsmieten oder ein Zugticket nach Lissabon. Er nahm das Ticket. Seine Mutter holte jede Woche 3 Bücher aus der Bibliothek und legte sie auf den Küchentisch, wie andere Leute Blumen hinstellen. Karl spricht über Angst und Mut, über Freundschaft und über die Nächte am Klavier, die seine Kinder manchmal eher erlitten haben.

Eine Geschichte über Trauer und Erinnerung und über das, was ein Vater seinen Kindern mitgeben wollte.

  • Familie
  • Trauer
  • Erinnerung
  • Vergänglichkeit
  • Lebensmut
30:54
Welt betreten

Mit Nora und Jule

Auf dem Schild an der Bürotür steht „Nora Brenner Architektur“, und Nora liest es 3 Mal, bevor sie es glaubt. Sofort schickt sie ihrer Freundin Jule eine Sprachnachricht: das eigene Büro, die Anmeldung zum Halbmarathon in Köln am 18. Oktober und nebenbei eine Erkältung, die seit 3 Wochen nicht weggeht. Jule antwortet aus dem Café, grinst ihr Handy an vor Stolz und empfiehlt gegen die Erkältung einen Ingwer-Kurkuma-Shot, morgens und abends.

Dann kommt ein Morgen, an dem Nora sich am Türrahmen hochziehen muss, weil ihre Beine nicht mehr gehorchen. Das Blutbild ist unauffällig. Sie nimmt für Jule auf, was passiert ist, und sagt danach zu sich selbst: „Nein. Das geht so nicht. Nochmal.“ Was sie schließlich abschickt, klingt munter: Der Halbmarathon ist vernünftigerweise auf nächstes Jahr verschoben, das Büro läuft super.

Jule meint es gut. Sie schickt den Link zu einem sanften Yogakurs, erinnert an Vitamin D und an 30 Minuten frische Luft am Tag. Nora nimmt auf, löscht und nimmt neu auf, bis sie leicht klingt. Zwischen dem, was sie erlebt, und dem, was bei Jule ankommt, wächst mit jeder Nachricht der Abstand.

Im Kern erzählt das Hörspiel von einer Freundschaft in Sprachnachrichten und davon, was es kostet, für einen geliebten Menschen gesund zu klingen.

  • Freundschaft
  • chronische Krankheit
  • Isolation
  • Hilflosigkeit
  • Fürsorge
  • ME/CFS
13:02
Welt betreten