Wien-Favoriten, dritter Stock: Wie jeden Donnerstag besucht Marlene den alten István. Heute stehen auf seinem Küchentisch Gewürzdosen in einer Reihe, daneben ein gusseiserner Topf und ein leeres Schulheft mit marmoriertem Einband. István will ihr sein Gulaschrezept diktieren, jede Zutat, jede Menge, jede Temperatur. Beim Kümmel besteht er auf genau sieben Gramm.
- István
- Floh im Dezember 1956 aus Budapest über die Grenze. Zu jeder Zutat fällt ihm etwas von früher ein.
- Marlene
- Besucht István jeden Donnerstag. Sie schreibt das Rezept Wort für Wort in das Schulheft.
- Erzähler
- Beschreibt die Küche, das Licht am Nachmittag und Istváns Hände.
Gut zu wissen
- Das Wort Gulasch kommt vom ungarischen gulyás, dem Rinderhirten. In Ungarn ist gulyás eine Suppe. Das Schmorgericht, das man anderswo Gulasch nennt, heißt dort pörkölt.
- Nach dem Ungarnaufstand flohen 1956 und 1957 rund 180.000 bis 194.000 Menschen aus Ungarn nach Österreich. Die meisten reisten weiter, in Wien blieben schätzungsweise 14.000.
- István ist 1956 über Sopron geflohen. Am 19. August 1989 nutzten dort Hunderte DDR-Bürger das Paneuropäische Picknick zur Flucht über die grüne Grenze nach Österreich, die größte Massenflucht seit dem Mauerbau.