Ein Dienstagmorgen im Mai: Auf Friedrich Kesslers Küchentisch liegt ein Brief ohne Absender. Darin stehen eine Adresse in Leipzig-Plagwitz, vierzehn Uhr, und ein Satz in blauer Tinte: „Es geht um Ihre Akte 1994-0371.“ Friedrich geht hin. Im dritten Stock eines Gründerzeithauses öffnet ihm Nora Wendt, auf ihrem Tisch stehen Kamillentee und ein schmaler hellgrauer Aktenordner.
- Friedrich Kessler
- Früher Oberarzt in der Kinderklinik Leipzig-Süd. Die Nummer im Brief muss er nicht nachschlagen.
- Nora Wendt
- Mitte dreißig, gerade nach Plagwitz gezogen. Sie hat Friedrich eingeladen und liest ihm aus der Akte vor.
- Erzähler
- Begleitet Friedrich vom Küchentisch bis in Noras Wohnzimmer.
Gut zu wissen
- Nora beruft sich auf Paragraf 630g BGB. Ins Gesetz kam das Recht auf Akteneinsicht erst mit dem Patientenrechtegesetz von 2013, vorher prägten es vor allem Gerichtsurteile. Aufbewahren muss eine Praxis die Akte zehn Jahre nach Ende der Behandlung.
- Plagwitz war das erste planmäßig entwickelte große Industriegebiet Deutschlands. Ab 1856 ließ der Leipziger Anwalt Karl Heine dort einen Kanal graben, der die Weiße Elster mit der Saale verbinden sollte. In alten Fabrikhallen sind heute Wohnungen.