Der letzte Brief
Folge 2

Das Summen

Eine alte Witwe schreibt an die Pflegerin ihres verstorbenen Mannes. Ältere weibliche Stimme, ungeglättet, nah am Mikro.

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4:31

Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis sie sich an die Nachttischschublade ihres verstorbenen Mannes getraut hat. Ganz hinten liegt ein Zettel von Frau Tomas, der Pflegerin, die ihn in seinen letzten Wochen versorgt hat. Nun schreibt die Witwe ihr den Brief, für den am letzten Tag in der Tür die Worte gefehlt haben.

Frau Tomas kam jeden Morgen um acht. Sie hat gewaschen, gewendet, das Kissen aufgeschüttelt und dabei immer dieselbe Melodie gesummt, leise, fast für sich, in einem Haus, das in diesen Wochen sehr still geworden war.

Ein Brief über Dankbarkeit, die spät kommt, über den kleinen Topf, in dem man plötzlich nur noch für eine Person kocht, und über ein Lied ohne Namen, das in einer Stube weiterklingt.

  • Pflege
  • Abschied
  • Dankbarkeit

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Heute ist Donnerstag, und sie hat den Tisch gedeckt, bevor sie nachdenken konnte. Sechzig Jahre lang hat sie jeden Donnerstag mit ihrer besten Freundin Grete Canasta gespielt. Jetzt schreibt sie ihr, mit dem alten Kartenspiel vor sich und dem zweiten Stuhl, den sie nicht wegräumt.

Die Ecken der Karten sind ganz weich geworden, auf der Herzdame ist noch der Kaffeefleck von dem Sonntag, an dem Heinrich die Tasse umgestoßen hat. Auf dem Block mit den Punkteständen liegt Grete auf der letzten Seite vorn. Die beiden hatten eigene Regeln, mit dem roten Dreier und einem Extrapunkt für das letzte Wort, und die stehen in keinem Heft.

Ein Brief über eine Freundschaft, die ein Leben lang gehalten hat, auch durch einen Sommer, in dem sich die beiden nicht grüßten, und über eine Hand, die heute gut gewesen wäre.

  • Freundschaft
  • Kartenspiel
  • Trauer
4:47

Das Elternhaus soll verkauft werden, und zwischen den Kisten mit dem Geschirr der Mutter findet eine Frau auf dem Dachboden die alte hölzerne Spieldose mit der Ballerina. Sie schreibt an ihre Schwester Helga, die vor Jahrzehnten ausgewandert ist.

Die Spieldose stand früher auf dem Fensterbrett im Kinderzimmer, zwischen den beiden Betten. Die Kurbel hakt, die Ballerina ist in der Taille geknickt, und in der Melodie fehlt ein Ton. Der Vater hat nachts an die Wand geklopft, weil Helga sie nicht ausstellen wollte. Zerstritten haben sich die Schwestern nie. Erst wurden die Briefe kürzer, dann blieben nur noch Karten zu Weihnachten, und irgendwann nicht einmal die.

Ein Brief über zwei Schwestern, eine Kindheit in einem Zimmer und eine Lücke in der Melodie, die man nicht mehr hört, wenn man sie lange genug kennt.

  • Schwestern
  • Auswandern
  • Kindheit
4:01

Beim Ausräumen des Badezimmers seiner Mutter findet ein Mann von einundsechzig im Spiegelschrank den Rasierpinsel seines Vaters. Dachshaar, ein Griff aus vergilbtem Holz, daneben die flache Steingutschale mit dem Sprung am Rand. Sechsundvierzig Jahre hat die Mutter ihn dort stehen lassen.

Der Vater ist mit neununddreißig gestorben, als der Sohn vier war. Seit zweiundzwanzig Jahren ist der Sohn nun älter, als sein Vater je geworden ist. Er hat Fotos und die Sätze seiner Mutter, aber kein Gesicht, keine Stimme, keinen Geruch. Also stellt er sich vor, wie der Vater morgens am Becken stand und den Pinsel in der Schale kreisen ließ, und merkt dabei, dass er es erfindet.

Ein Brief an einen Vater, den man nie kennengelernt hat, über die Tage, die es mit ihm gegeben hätte, und über eine leere Schale, die trocken bleiben darf.

  • Vater und Sohn
  • Verlust
  • Erinnerung
4:39

Unten im grünen Werkzeugkasten, unter der Wasserwaage, findet ein geschiedener Vater eine Zeichnung, die sein Kind vor vielen Jahren am Küchentisch gemalt hat. Wachsmalstifte aus der gelben Dose, ein Haus mit vier Fenstern, und in jedem Fenster steht jemand.

Die Sonne sitzt oben rechts in der Ecke, so fest aufgedrückt, dass man die Rillen im Papier noch fühlt. Das Blatt ist vergilbt und an den Knicken eingerissen, auf der Rückseite klebt brauner Tesafilm. Dreiundzwanzig Jahre lag es bei Werkzeug, das er nie mehr gebraucht hat. Nach der Trennung kamen die Wochenenden und die Sommer, die Abstände wurden größer, und keiner hat darüber gesprochen.

Ein später Brief an ein erwachsenes Kind über ein Haus, in dem damals alle waren, und über einen Riss, der mitten durch die Fenster geht.

  • Scheidung
  • Vater und Kind
  • Kindheit
4:19

Folge 23

Das Hemd

Morgen früh muss Hannes in die Klinik. Er schläft schon, und seine Frau sitzt noch am Küchentisch, vor sich das blaue Hemd, das er immer nimmt, wenn er gut aussehen will, ohne dass es jemand merken soll. Der zweite Knopf hängt seit dem Sommer an einem Faden.

Sie näht ihn an, mit dem dicken Garn aus der Blechdose, das noch von seiner Mutter ist, fünfmal durchgezogen, mehr als nötig. Die Tasche im Flur ist längst gepackt: zwei Schlafanzüge, die guten Hausschuhe, das Buch, das er seit Ostern nicht weiterliest, ein kleines Foto von einem Tag am See. Und dazwischen kommen ihr Dinge in den Sinn, die nichts miteinander zu tun haben, etwa der Tag, an dem die beiden eine Waschmaschine in den dritten Stock getragen haben.

Ein zärtlicher Brief über eine lange Ehe, eine Nacht vor der Klinik und einen Knopf, der fester sitzt als alles andere im Haus.

  • Ehe
  • Krankheit
  • Fürsorge
4:54

Folge 22

Der Pokal

Beim Ausräumen des Kellers stößt ein alter Mann auf einen Pokal vom Stadtteilturnier 1973. Billiges Plastik, golden lackiert, ein Henkel abgebrochen, das Gravurschild hängt nur noch an einer Niete. Darauf stehen zwei Namen untereinander: seiner und der von Werner, seinem früheren besten Freund.

Die beiden waren ein Doppel, Werner der mit der ruhigen Hand, er selbst der, der zu fest gestoßen hat. Auf dem Heimweg haben sie den Pokal abwechselnd getragen, je eine Straßenlaterne. Später kam die Sache mit der Werkstatt und dem Geld, das gefehlt hat, und danach ein Bruch, der seit Jahrzehnten hält.

Ein Brief über eine Freundschaft, einen alten Verrat und einen Pokal, der schief im Regal steht, auch mit einem Bierdeckel darunter.

  • Freundschaft
  • Verrat
  • Erinnerung
4:12

Folge 21

Das Fahrrad

Eigentlich hat sie nur die Gartenschere gesucht. Im Schuppen, hinten links an der Wand, steht noch das Fahrrad ihres Sohnes Jonas, der mit siebzehn verunglückt ist. Viele Jahre später schreibt ihm seine Mutter.

Der Sattel sitzt noch genau so hoch, wie er ihn eingestellt hat, der Hinterreifen ist platt, die Klingel durchgerostet. Früher hat er zweimal kurz geklingelt, wenn er in die Einfahrt bog. Das Fläschchen mit dem blauen Kettenöl, das immer überall hinkam, ist noch zu zwei Dritteln voll. Der Vater wollte das Rad einmal weggeben. Es steht immer noch da.

Ein Brief über eine Mutter, einen Schuppen, in dem sich nichts verloren hat, und ein Rad, das so stehen soll, wie ein Rad stehen soll.

  • Mutter und Sohn
  • Verlust
  • Trauer
4:32

Folge 20

Die Leine

Es ist sechs Uhr morgens, die Stunde, zu der sie immer losgegangen sind. Ein älterer Mann ist aufgewacht, ohne dass ihn etwas geweckt hat, und schreibt an seinen Hund, der vor ein paar Wochen gestorben ist. Draußen ist die Straße noch nass von der Nacht.

Die Leine hängt noch am Haken neben der Tür, der Karabiner klemmt seit dem Frühjahr, und der Knoten am Griff ist über die Jahre locker geworden. Dreizehn Jahre lang sind die beiden zweimal am Tag dieselbe Runde gegangen: um den Block, am Spielplatz vorbei, die kleine Schleife zum Bach. Jetzt steht morgens eine halbe Stunde leer, und er weiß nicht recht, wohin mit den Händen.

Ein Brief über dreizehn Jahre Freundschaft, einen Napf in der Ecke, eine Decke vor der Heizung und die kleinen Stellen im Tag, an denen einer fehlt.

  • Hund
  • Trauer
  • Alltag
3:57

Jeden Morgen schmiert ein alter Mann seinem Enkel die Brote für die Schule. Der Junge ist sieben, so alt wie er selbst damals. Das dünne Butterbrotpapier knistert genauso wie früher, und dabei denkt er an Herrn Bertram, seinen Grundschullehrer, dem er jetzt, viel zu spät, einen Brief schreibt.

Zu Hause war oft nichts da. Der Vater war fort, die Mutter putzte in drei Häusern, und am Morgen blieb für den Jungen kein Brot übrig. Herr Bertram legte ihm beim Austeilen der Hefte etwas auf den Tisch, in Papier gewickelt, manchmal Wurst, manchmal Schmalz mit Salz, einmal ein hartes Ei. Nie vor den anderen und nie mit einem Wort.

Ein Brief über eine stille Güte, die ein ganzes Leben begleitet, über vierzig Jahre im Werk, eine Tochter, die studiert hat, und eine Brotdose, die auf dem Weg zur Tür leise klappert.

  • Lehrer
  • Kindheit
  • Armut
4:33

Vor zwanzig Jahren, an einem kalten Februarabend, saß ein junger Mann auf einem Bahnsteig vor der Stadt auf dem Boden, an einen Pfeiler gelehnt. Eine fremde Frau stieg aus dem Zug und legte ihm wortlos ihren Mantel über die Schultern. Heute schreibt er ihr, ohne Namen und ohne Adresse.

Der Mantel war dunkelblau, zu eng und roch nach kaltem Rauch. Sie hat nicht gefragt, ob alles in Ordnung ist, sie hat nur ein paar Schritte weiter gestanden und ab und zu herübergesehen. Dann kam ihr Zug, und der Mantel blieb auf seinen Schultern. Seitdem hängt er in seinem Flur, nie gereinigt, und am Saum fehlt der unterste Knopf.

Ein Brief an eine Unbekannte über eine kleine Geste an einem der schwersten Abende eines Lebens und über all die Tage danach, die einfach nur Tage sind.

  • Begegnung
  • Bahnhof
  • Dankbarkeit
5:26

Beim Ausräumen des Schreibtischs findet eine Großmutter ihr altes Briefmarkenalbum, dunkelgrün, der Rücken gerissen. Sie schreibt an ihren Enkel Felix, der auf einem anderen Kontinent aufgewachsen ist und den sie in seinem ganzen Leben dreimal gesehen hat.

Jede Marke hat sie über warmem Wasser abgelöst, zwischen Löschpapier getrocknet und in kleine Pergamintaschen geschoben. Eine Seite hat sie für Kanada angelegt, drei Marken sind darauf, und aus Australien kamen ein gelb-schwarzer Vogel, ein Schiff und eine Brücke. Die meisten Taschen sind leer geblieben. Sie hatte sich vorgestellt, das Album eines Tages mit ihm zusammen anzusehen, nachmittags, am Tisch.

Ein Brief über eine Großmutter, einen Enkel in der Ferne und ein Album, in dem man vor allem das Fehlen ordnet.

  • Großmutter
  • Enkel
  • Ferne
5:09

Mit neunzehn musste sie ihre Tochter zur Adoption freigeben. Heute, beim Umzug, findet die Mutter ganz hinten in einer Schublade eine Schachtel mit zwei Postkarten und dazwischen, flach gedrückt, ein schmales Krankenhausarmband aus Plastik. Sie schreibt der Tochter, die sie nie kennengelernt hat.

Das Armband ist vergilbt, an einer Stelle fast durchsichtig, aber die eingeprägten Buchstaben kann man noch lesen: ihr Mädchenname, ein Datum, ein Gewicht, drei Komma zwei. Behalten durfte sie damals nichts. Das Band hat sie genommen, als gerade keiner hinsah. Seitdem hat sie sich vorgestellt, was aus dem Kind geworden ist, und fremden jungen Frauen in Geschäften zu lange nachgesehen.

Ein Brief über eine junge Mutter, die selbst noch ein Kind war, über dreißig Jahre Schweigen und über eine Schachtel, die sie beim Umzug selbst tragen will.

  • Adoption
  • Mutter und Tochter
  • Umzug
5:18

Folge 15

Der Kaktus

Über Nacht hat der Kaktus eine einzige rote Blüte bekommen. Der kleine, den Thomas damals beim Umzug vom Fensterbrett des Vormieters mitgenommen hat. Jahre nach der Trennung schreibt die Frau, bei der er geblieben ist, ihrem früheren Partner.

Der Kaktus steht auf dem Heizungsbrett über der Küche, kein guter Platz, sagt ihre Schwester. Gegossen hat sie ihn fast nie, und zweimal hätte sie ihn beinahe weggeworfen: einmal beim großen Aufräumen, schon am Mülleimer, und einmal im November auf dem Balkon. Beide Male hat sie ihn wieder hereingeholt.

Ein kurzer Brief über das, was nach einer Trennung übrig bleibt, über eine Pflanze, die stur weitermacht, und eine Blüte, die vielleicht nur einen Tag hält.

  • Trennung
  • Kaktus
  • Erinnerung
3:15

Die Übergabe ist am Freitag, ein junges Paar zieht ein, und der Vermieter will die Wände weiß. Also streicht ein geschiedener Mann die Wohnung, in der er elf Jahre mit Karin gelebt hat. Zwei Eimer, das gute Weiß, das angeblich mit einer Schicht deckt.

Hinter dem schweren Schrank im Wohnzimmer, den er allein mit dem Gurt wegrückt, kommt eine Bahn der alten Farbe zum Vorschein, so warm wie am ersten Tag: Karins Gelb, das sie an einem langen Wochenende gestrichen hat, als er bei seinem Bruder war. Er hat es damals grell genannt. Jetzt steht er mit dem Pinsel davor, und an einer Stelle auf Augenhöhe kommt das Gelb immer wieder durch.

Ein Brief über eine Ehe, die zu Ende ist, über einen Blick, der sich mit den Jahren ändert, und über eine Markise, die noch Jahre hält.

  • Trennung
  • Wohnung
  • Ehe
4:09

Folge 13

Die Hände

Heute Morgen hat sie den obersten Knopf ihrer Bluse nicht mehr zubekommen. Da hat eine Frau von neunundachtzig ihre Hände angeschaut, zum ersten Mal seit langer Zeit, und sie schreibt an das Mädchen, das sie mit sechzehn war.

Das Mädchen fand seine Hände hässlich, zu groß und zu rot vom Spülwasser, und hat sie versteckt, in den Ärmeln, hinter dem Rücken, unter dem Tisch. Die alte Frau erzählt ihm, was diese Hände in all den Jahren getan haben: Kartoffeln geschält, ein fieberndes Kind durch die Nacht getragen, Wäsche im kalten Wasser gewrungen, einen Garten umgegraben, als es nichts zu kaufen gab, und am Ende eine Hand im Krankenhaus gehalten.

Ein warmer Brief über ein langes Leben, einen Ring, der nicht mehr abgeht, und eine Tasse Kaffee am Morgen.

  • Alter
  • Selbstbild
  • Lebensrückblick
3:30

In der hinteren Schublade, zwischen den Garantiescheinen für Toaster und Bohrmaschine, findet ein Mann von dreiundachtzig eine Fahrkarte nach Hamburg. Ungeknickt, ohne Stempel. Er schreibt an den Jungen, der er mit zwanzig war und der an einem Sommertag auf Bahnsteig drei stand, die Tasche zwischen den Füßen und sieben Minuten Zeit.

In Hamburg warteten vielleicht ein Zimmer und eine Stelle auf der Werft, nichts Schriftliches. Der Zug stand da, die Türen waren offen, es roch nach Öl und nach Sommer. Dann kam ein ganz anderes Leben: sechsunddreißig Jahre Lager und Versand bei Hellmann, Margarete mit den nassen Schuhen an einem Karfreitag, ein Haus mit schiefem Carport, zwei Kinder.

Ein Brief über den Zug, den man nicht genommen hat, und über das ganze Leben, das stattdessen gekommen ist.

  • Lebensentscheidung
  • Jugend
  • Hamburg
4:54

Drei Wochenenden lang haben die Schwestern den Dachboden nach dem Rezeptheft ihrer Mutter durchsucht. Jetzt schreibt die Jüngste ganz nebenbei auf einer Karte, dass es bei ihr aufgetaucht ist, in der Schublade unter dem Besteck. Die mittlere Schwester antwortet mit einem Brief und einer einzigen Bitte: den Kartoffelsalat von Seite vier.

Im Heft stehen keine Mengen. Eine Handvoll, ein Schuss, bis es schmeckt. Am Sonntag hat sie es versucht, mit festkochenden Kartoffeln und fein geschnittenen Zwiebeln, und es wurde nichts. Vielleicht liegt es am Salz. Auf Seite vier ist noch der Fettfleck, um den die Mutter einfach herumgeschrieben hat, und auf Seite sieben klebt die Telefonnummer von Tante Liesel, die es längst nicht mehr gibt.

Ein Brief über drei Schwestern, eine Mutter in der Küche und die Frage, wer als Kind am Herd stand und wer im Türrahmen.

  • Schwestern
  • Kochen
  • Mutter
4:42

Folge 10

Der Wecker

Heinrich ist seit vielen Jahren tot, aber auf seiner Seite des Bettes steht noch sein kleiner Reisewecker mit dem spröden Lederbezug, neben der Lampe, wo er immer stand. Seine Frau hat ihn seit Jahren nicht aufgezogen. Und trotzdem hört sie ihn nachts ticken.

Der Drehknopf ist an der Stelle blank, wo Heinrich ihn jeden Abend mit zwei Fingern gedreht hat. Der Wecker geht acht Minuten vor, das hat er von Anfang an getan, und Heinrich wollte es so, damit man nichts verpasst. Sie rechnet bis heute im Kopf um. Als die Schwiegertochter ihn für die Enkel mitnehmen will, sagt sie nur: Lass ihn stehen, der gehört dahin.

Ein zärtlicher Brief über eine lange Ehe, eine freie Bettseite und ein leises Geräusch, das eine Nacht davor bewahrt, ganz leer zu sein.

  • Witwe
  • Ehe
  • Erinnerung
4:54

Der Vater liegt im Hospiz, und im Flur seiner Wohnung steht noch der alte Anrufbeantworter mit den großen Tasten. Der Sohn hat ihn abgestaubt, mit einem Wattestäbchen, eine halbe Stunde lang. Die kleine Anzeige blinkt: vierundzwanzig ungehörte Nachrichten.

Auf dem Band ist noch die Ansage, die der Vater vor Jahren selbst aufgesprochen hat, kurz und sachlich, ohne Namen und ohne Nummer. Die Mutter hat damals gelacht und gesagt, das klingt wie eine Behörde. Vater und Sohn haben sich lange nichts mehr zu sagen gehabt, und jetzt, wo wenig Zeit bleibt, weiß der Sohn nicht, womit er anfangen soll.

Ein Brief über einen zerstrittenen Vater, ein sauber aufgewickeltes Kabel und ein kleines rotes Licht, das in einem dunklen Flur weiterblinkt.

  • Vater und Sohn
  • Hospiz
  • Sprachlosigkeit
4:15

Folge 8

Die Schuhe

Die Mutter liegt im Hospiz, und die Tochter räumt ihre Wohnung. Im Flur stehen noch die braunen Winterschuhe, und an ihnen bleibt sie hängen. Die Sohlen sind durchgelaufen, auf dem Leder sitzt ein weißer Salzrand, der sich nicht wegwischen lässt.

Dreimal standen die Schuhe schon in der Tüte für den Container, dreimal hat sie sie wieder herausgenommen. Sie kennt jedes Detail: den schief abgelaufenen rechten Absatz, die feinen Kratzer an den Spitzen, die alte Keksdose mit dem Schuhputzzeug, das nie benutzt wurde. Eine Mutter, die oft nicht da war, und eine Tochter, die dieses Paar Schuhe besser kennt als manches andere an ihr.

Ein stiller Brief über eine schwierige Mutter, einen Abschied im Hospiz und darüber, was man in Dingen lesen kann, die nichts erzählen.

  • Mutter und Tochter
  • Hospiz
  • Kindheit
3:37

Folge 7

Der Baum

Ein alter Mann biegt auf dem Weg zum Arzt falsch ab, vielleicht nicht ganz zufällig, und steht plötzlich vor dem Haus in der Lindenstraße, in dem er die ersten neunzehn Jahre seines Lebens gewohnt hat. Heute lebt dort eine fremde Familie. Er schreibt ihr einen Brief und wirft ihn in den Kasten, ohne zu klingeln.

Sein Vater hat das Haus nach dem Krieg gebaut, Stein für Stein. Der Vorgarten ist schön geworden, das alte Tor, das immer klemmte, ist ersetzt. Aber hinten links an der Mauer steht noch der Apfelbaum, den sein Großvater gesetzt hat, und in der Rinde ist eine Kerbe, die ein Neunjähriger mit seinem ersten Taschenmesser hineingeschnitten hat.

Ein Brief über ein Elternhaus in fremden Händen, über Bäume, die nichts vergessen, und über einen kühlen Platz im Garten, den man an heißen Tagen kennen sollte. Dazu eine Tüte Walnüsse für die Kinder.

  • Elternhaus
  • Kindheit
  • Apfelbaum
5:13

Folge 6

Die Uhr

Nach dem Tod ihres Mannes räumt eine Frau die Schubladen aus. Der Notar hat angerufen, die Sache mit dem Konto ist erledigt. In der oberen Schublade des Sekretärs liegt die Uhr seines Vaters, mit gesprungenem Glas, die nie richtig ging. Sie schreibt an Reinhard, den Bruder ihres Mannes.

Bei der Beerdigung hat Reinhard leise nach der Uhr gefragt, fast nebenbei. Auf ihrer Rückseite steht eine Gravur, so klein, dass man sie kaum lesen kann: die Namen der beiden Brüder, in einer Reihe. Und in der Schublade darunter findet sie einen Zettel in der Handschrift ihres Mannes, mit Telefonnummern, durchgestrichen und neu geschrieben.

Ein Brief über zwei Menschen, die denselben Mann geliebt haben, über ein leises Ringen, das vierzig Jahre gedauert hat, und über eine Uhr, die vielleicht wieder geht, wenn jemand sie ernst nimmt.

  • Geschwister
  • Erbe
  • Trauer
4:23

Ein pensionierter Deutschlehrer löst seine Bibliothek auf. Achtzehn Kartons stehen im Flur, und ganz unten in einer Kiste liegt ein schmaler Roman mit abgestoßener Ecke. Er gehört Annika, einer Schülerin aus seinem Leistungskurs, und nach dreißig Jahren schreibt er ihr.

Sie hatte das Buch schon dreimal gelesen, bevor es auf dem Lehrplan stand, in der Bahn, im Bett, im Bus. Er hat es ihr für eine Woche abgenommen und vollgeschrieben: Randnotizen, Pfeile, die Symbolik der Farben. Als er es zurückgab, hat sie einen einzigen Satz gesagt und das Buch nicht mehr mitgenommen.

Ein Brief über einen Lehrer, eine Schülerin und darüber, was ein Satz im richtigen Moment bei einem Menschen bewegen kann. Das Päckchen ist schon in braunes Papier geschlagen, mit einem ordentlichen Knoten.

  • Schule
  • Bücher
  • Lehrer
4:23

Jonas lebt am Meer, weit weg, in einer anderen Zeitzone. Seine Mutter hat im Laden gelernt, wie das mit dem Videotelefon geht: auf das grüne Symbol drücken, dann klingelt es bei ihm. Trotzdem schreibt sie ihm einen Brief, von Hand, am Küchentisch.

Zu Hause ist alles, wie es war. Der Birnbaum trägt mehr, als sie verwerten kann, die Nachbarin bekommt zwei Gläser Mus, und über dem Bett im alten Kinderzimmer hängt noch die Landkarte mit den Stecknadeln, mit denen der Junge geplant hat, wohin er einmal will. Wenn sie abends die Kanne aufsetzt, fängt bei ihm gerade der Morgen an.

Ein warmer Brief über eine Mutter, einen Sohn in der Ferne und einen Stolz, den man niemandem geben kann.

  • Mutter und Sohn
  • Auswandern
  • Loslassen
4:18

Auf dem Parkplatz vom Baumarkt läuft im Autoradio ein Lied, und ein Mann Ende fünfzig bleibt sitzen, bis es zu Ende ist. Danach schreibt er an Tobias, seinen Jugendfreund, den er seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

In seiner Werkstatt liegt noch die graue Kassette mit dem abgeknickten Etikett, zwischen Sicherungen und einem Maßband, das nicht mehr einrollt. Abspielen kann er sie längst nicht mehr. Auf dem Etikett steht in Tobias' Schrift ein Sommer, an den er sich deutlicher erinnert als an jedes andere Jahr: Lieder, von Kassette auf Kassette überspielt, die Füße an der Heizung, ein Lauf bis zum Wasserturm im Regen.

Ein Brief über eine Freundschaft, die ohne Streit und ohne Abschied einfach leiser geworden ist, und über die Geräusche, die man damals mit aufgenommen hat, ohne es zu wollen.

  • Jugendfreundschaft
  • Musik
  • Erinnerung
4:37

Folge 1

Der Nagel

Ein alter Mann räumt die Wohnung, in der er vierzig Jahre gelebt hat. Ende des Monats gibt er die Schlüssel ab, die zwei Treppen sind zu viel geworden. Beim Ausräumen fallen ihm Dinge in die Hand, von denen er nicht weiß, wohin damit, und er schreibt an seinen Sohn Thomas, der vor vielen Jahren den Kontakt abgebrochen hat.

Im Schrank des alten Kinderzimmers liegt noch ein Karton mit Heften aus der Realschule und einem halb gebauten Modellflugzeug, der Klebstoff längst eingetrocknet. Auf der Innenseite der Schranktür stehen die Bleistiftstriche, mit denen er den Jungen gemessen hat. Und in der Werkzeugkiste liegt der Hammer, mit dem er ihm einmal gezeigt hat, wie man einen Nagel einschlägt.

Ein Brief über einen Vater, der spät anfängt, die richtigen Dinge aufzuheben, und über eine kleine Kiste, die in der neuen Wohnung gleich neben der Tür steht. Falls sie irgendwann jemand abholen möchte.

  • Vater und Sohn
  • Umzug
  • Kontaktabbruch
4:03