Unter vier Ohren
Folge 6

Pfefferminz, ein roter Knoten und vier kleine Mäuse

Ein Tippschein, ein Schlüssel und ein Mäusenest: drei Menschen, denen etwas Fremdes anvertraut wurde, und die Frage, ob man das annehmen darf.

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26:10

Mit Ben, Linus, Marlene und Hartmut

Drei Menschen rufen an, denen jemand ungefragt etwas in die Hand gelegt hat. Linus sitzt beim Nachtdienst an der Tankstellenkasse, Marlene, Schlosserin, hat einen Schlüssel im Briefkasten gefunden, und Hartmut, dreiundachtzig, hat in seiner Gartenlaube Untermieter bekommen.

Linus’ Stammkunde trägt immer denselben dunkelblauen Trainingsanzug, riecht nach Pfefferminz und verrät nie seine Lottozahlen. Heute schiebt er Linus den leeren Schein über den Tresen, und Linus tippt die Zahlen danach, wie viele Schokoriegel von welcher Sorte im Regal liegen. Marlenes Schlüssel hängt an einem roten Bändchen mit einem winzigen Knoten, wie ihre Schwester früher alles geflickt hat. Seit elf Jahren schweigen die beiden. In Hartmuts Geräteschublade hat eine Maus ihr Nest aus den Saattütchen seiner verstorbenen Frau gebaut. Seitdem radelt er jeden Morgen hin, noch vor dem Kaffee.

Eine Folge über Vertrauen, das man nicht bestellt hat, und über ein rosa Knäuel zwischen alten Samentütchen.

  • Vertrauen
  • Lotto
  • Schrebergarten

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Mit Ben, Anja, Martin und Svenja

Anja hat zwei Rüdiger zu Hause: ihren Mann und den Dackel der Nachbarin. Martins Pflegesohn Noah ist am Samstag zu seiner Mutter gezogen, und das ist gut so. Svenja möchte eine halbe Stunde über etwas anderes reden als die Pflege ihrer Mutter.

Ruft Anja „Rüdiger, komm mal her“, kommen beide. Am Kühlschrank hängt ein Zettel: Für allgemeine Kritik bitte den Nachnamen verwenden. Beim Üben von „Platz“ liegen bald beide auf dem Teppich, und auch Ben steckt mittendrin. Martin hat beim Umzug umgepackt, damit eine Plastikgarage aus dem Autofenster gucken kann, und hält jetzt Noahs orangefarbenen Helm mit dem Dinosaurieraufkleber in der Hand. Svenja hat auf dem Supermarktparkplatz eine Parkscheibe hingelegt und sieht einem Mann zu, der seinen Wagen in die falsche Reihe schiebt und lacht.

Eine Folge über zu viele Rüdiger, einen Abschied, der richtig ist und trotzdem wehtut, und eine halbe Stunde nur für sich.

  • Dackel
  • Pflegekind
  • Angehörigenpflege
35:48

Mit Ben, Harald, Miriam und Frank

Harald möchte wissen, wie man Spaghetti aus einem Alphorn bekommt. Miriam erzählt von ihrer verstorbenen Tochter Lina und einer Strickjacke, der ein Ärmel fehlt. Frank geht seit acht Monaten zu einer Arbeit, die es nicht mehr gibt.

Das Alphorn, drei Meter sechzig, stammt von Schwager Jürgen. Ein Interessent fragt nach der Stimmung, ein anderer kommt zum Probieren mit dem eigenen Alphorn, und Harald steht als Jury im Johannisbeerstrauch. Die Jacke ist petrol, so wollte es Lina, und die Taschen sind nach ihrem Telefon bemessen. Miriam möchte erzählen, wie Lina war, bis zu den Kiwikernen auf dem Lichtschalter, und Ben hört zu. Frank sitzt in Zimmer achtzehn, einem alten Besprechungsraum mit vier Stühlen. Als der Hausmeister Inventarnummern braucht, dreht er sofort alle Stühle um.

Eine Folge über das, was feststeckt: eine Nudel im Holz, ein fehlender Ärmel und ein Mann, der sich an sein Zimmer nicht gewöhnen will.

  • Alphorn
  • Trauer
  • Arbeitsplatz
37:32

Mit Ben, Ottmar, Reni und Klaus

Auf diese drei Anrufe ist Ben nicht vorbereitet. Ottmar ist aus einem Krimidinner geflogen, und zwar als Leiche. Reni braucht einen Satz, um drei Frauen auf einmal zu enttäuschen. Und Klaus möchte bitte beleidigt werden.

Ottmars Frau hat ihm das Krimidinner zum Sechzigsten geschenkt und bei der Rollenvergabe seinen Arm hochgerissen. Als geiziger Baron stirbt er nach der Suppe, sinkt in die Serviette und hört neben dem Ohr den Speck knistern. Dann kommt die Rinderroulade. Reni hat in der Laufgruppe außer Atem gesagt, sie könnte mal ein Brot backen. Seitdem stehen in ihrer Küche drei Sauerteige namens Hermann, samt Pflegeanleitung mit Notfallnummer. Wrestler Klaus soll zum ersten Mal der Böse sein, doch das Publikum freut sich, sobald er kommt. Ben buht zur Probe, aber Klaus hat hohe Ansprüche an ein Buh.

Eine Folge über Rollen, die man nicht loswird, über Geschenke, die gefüttert werden wollen, und drei Gläser, die aussehen wie Senf.

  • Krimidinner
  • Sauerteig
  • Wrestling
30:26

Mit Ben, Gudrun, Sascha und Lotte

Drei nächtliche Anrufe darüber, worauf man sich verlassen kann. Gudrun war achtunddreißig Jahre Richterin und pfeift mit achtundsiebzig Kinderfußball. Sascha, Kantinenkoch, hat vor zwei Jahren Geruch und Geschmack verloren und es bei der Arbeit niemandem erzählt. Und Lotte, Grundschullehrerin, führt eine Tabelle über die Behauptungen ihres Opas.

Gudrun hat den Regeltest unter lauter Vierzehnjährigen als Beste bestanden, übt mit der Trillerpfeife auf dem Baumarktparkplatz und bringt brüllende Eltern durch bloßes Warten zum Schweigen. Sascha würzt mit der Waage, liest an der Ausgabe Gesichter, und ein Fettabscheider unter der Küche wird zum Ereignis. Opa Rudi hat ihr erklärt, die Nordsee gehöre eigentlich den Engländern und der Mond habe einen Hausmeister mit starker Gewerkschaft. Lottes Tabelle hat drei Spalten: Stimmt, Stimmt nicht und Opa.

Eine Folge über halbe Sekunden, eine Nase auf Umwegen und eine dritte Spalte, in der die schönsten Sachen stehen.

  • Schiedsrichterin
  • Geruchssinn
  • Großvater
34:29

Mit Ben, Bodo, Katrin und Ilse

Bodo ist der Einzige in seiner Firma, der das alte Faxgerät bedienen kann. Katrin heißt seit einem Dartturnier nur noch Motor. Und Ilse schreibt seit vierzig Jahren Briefe an Helmut, der sie als Marlene kennt.

Das Fax heißt bei den Kollegen Erna, will schräg eingelegtes Papier und genau einen Schlag mit der flachen Hand, beim zweiten druckt es nur noch schwarze Streifen. Bodo steht deshalb auf der Notfallliste, neben Serverraum und Heizung. Katrin hat beim Stromausfall im Dartfinale ihrer Eckkneipe auf einem umgebauten Hometrainer gestrampelt, damit eine Glühbirne brennt. Heute steht Motor auf ihrem Namensschild bei der Arbeit. Ilses Marlene war einen Sommer lang Tänzerin in Paris, und Helmut hat ihr Foto vom See gerahmt, nur zeigt es eine Freundin. Jetzt will er zu Besuch kommen.

Eine Folge über Namen, die andere für einen aussuchen, und ein Foto vom See, das nie gestimmt hat.

  • Spitzname
  • Faxgerät
  • Brieffreundschaft
25:27

Mit Ben, Frauke, Margo und Nadine

Frauke steht beruflich für andere Leute Schlange. Margo ist in Rage, weil die Elster es schon wieder getan hat. Und Nadine antwortet auf die Frage, wie es ihr geht, mit einem Wetterbericht.

Fraukes Kerngeschäft sind Zimtschnecken, samt Liste, wer mit und wer ohne Nüsse will, und ihr Klapphocker heißt Herbert. Margo ist im Vogelbeobachtungsclub, und ausgerechnet ihr stiehlt eine Elster die Ohrringe, kleine goldene Ferngläser. Alufolie macht den Vogel nur neugierig, auf der Plastikeule thront er nach drei Tagen, und der Enkel nennt Margos Heft das Kriegstagebuch. Nadines Wetterbericht geht auf eine verlorene Wette in der vierten Klasse zurück, mit Ole, der schon damals ein Thermometer am Fenster hatte. Die Strafe gilt für immer, auch im Vorstellungsgespräch.

Eine Folge über kleine Verpflichtungen, denen man lange treu bleibt, bei schwachem bis mäßigem Wind aus westlichen Richtungen.

  • Schlangestehen
  • Elster
  • Wetterbericht
25:56

Mit Ben, Sibylle, Manfred und Niklas

Sibylle verliert eine Stimme, die zwanzig Jahre lang ihre war, Manfred erzählt von einem Heiratsantrag auf dem Meeresboden, und Niklas kommt von einer alten Kassette nicht los.

Sibylle leiht der französischen Schauspielerin Madeleine Vasseur seit über dreißig Filmen ihre deutsche Stimme. Nun zieht sich Vasseur vom Film zurück, und Sibylle hat ihr nie die Hand geschüttelt. Eine große Sterbeszene hat sie mit Gummibärchen neben dem Mikrofon aufgenommen. Wattführer Manfred hat erlebt, wie eine Frau aus Bayern dem Meer einen pinken Gummistiefel überließ. Für seinen Antrag an Anke hatte er einen Spruch auswendig gelernt. Niklas sammelt bespielte Kassetten vom Flohmarkt, darunter ein halbstündiges Gespräch mit einem Wellensittich. Die neueste enthält eine Liebeserklärung, die mitten im Wort abbricht.

Eine Folge über geliehene Dinge: eine fremde Stimme, einen Boden, den das Meer zweimal am Tag zurückholt, und ein Wort, das auf sein Ende wartet.

  • Synchronsprecherin
  • Wattführer
  • Kassetten
27:09

Mit Ben, Christa, Svenja und Achim

Auf Christas Küchentisch liegt seit fünf Tagen ein Brief, den sie nicht aufmacht. Svenja hat zwei Wochen lang die Katze von Bekannten gehütet, und morgen kommen die zurück. Und Achim hat ein Problem, das er selbst bekloppt nennt.

Der Brief trägt einen fremden Namen, doch der Absenderort verrät Christa alles: Er kommt von dem Sohn, den sie mit neunzehn zur Adoption gegeben hat. Seitdem wandert der Umschlag vom Obst unter die Zeitung und wieder hervor. Svenja, eigentlich kein Katzenmensch, kommt zu spät zur Arbeit, weil eine Katze namens Pflaume ihr morgens mit der Pfote ans Kinn tippt. Achim steigt seit Jahren mit seiner Frau Sabine in einen halb zugefrorenen See, sagt „ach, herrlich“ und flucht innerlich wie ein Rohrspatz. Inzwischen fährt er heimlich auch allein hin.

Eine Folge über Dinge, die auf einen warten, über eine geliehene Katze und über das Eigene, das man ausgerechnet in eiskaltem Wasser findet.

  • Adoption
  • Katze
  • Eisbaden
20:22

Mit Ben, Detlef, Bettina und Juergen

Drei Anrufe, in denen etwas Kleines viel Gewicht bekommt. Detlef notiert den langweiligsten Tag seit fünfzehn Jahren: null Komma null. Bettina schreibt Hochzeitsreden und findet für ihren kleinen Bruder keinen Satz. Und Jürgen sitzt am Bett seines Vaters, der im Sterben liegt und ein einziges Wort gesagt hat.

Detlef liest jeden Morgen Regenmesser und Windrad ab, mit Grippe auch im Bademantel, und gleicht mit Onno ab, der zwei Dörfer weiter eine gekaufte Station hat und angeblich aufrundet. Bettina hat schon eine Schwiegermutter mit einem Satz über eine Auflaufform zum Weinen gebracht, doch beim Bruder sitzt ihr bewährtes „Wir“ wie ein gemieteter Anzug. Sie weiß zu viel, bis zu den Socken neben dem Wäschekorb. Jürgen hat das Wort vierzig Jahre nicht gehört, seit er klein war, auf den Holzstapel kletterte und den ganzen Tag redete: Spatz.

Eine Folge über das Kleine, das alles trägt: null Komma null, eine geklaute Tulpe und ein Wort aus der Kindheit.

  • Wetterstation
  • Hochzeitsrede
  • Abschied
25:19

Mit Ben, Andreas, Britta und Horst

Andreas hat im Bewerbungsgespräch einen halben Satz zu viel gesagt, Britta hat im Treppenhaus ein Brot gelobt, und Horst, einundsiebzig, hat bei der Volkshochschule einmal falsch geklickt. Seitdem hat jede dieser Winzigkeiten ein Eigenleben.

In Andreas' Akte steht seit sieben Jahren fließendes Italienisch, nach zwei Wochen Toskana. Nun gibt es einen Großkunden bei Florenz, jede Mail läuft durch zwei Übersetzungsprogramme, und Ben spricht von Qualitätssicherung am eigenen Betrug. Britta bekommt jede Woche ein Roggenbrot von Frau Kowalski, dicht wie ein Ziegelstein, dabei ist sie eher der Toastbrottyp. Eines Abends steht sie mit einem Laib halb im Gebüsch, als Herr Kowalski mit dem Hund um die Ecke biegt. Horst stand mit einem Köfferchen voller Pinsel im Stepptanzkurs und blieb aus Schüchternheit.

Eine Folge über kleine Steinchen, die eine Lawine lostreten, und über einen Mann, der eigentlich nur Bäume malen wollte.

  • Notlüge
  • Brot
  • Stepptanz
29:01

Mit Ben, Detlef, Steffi und Margret

Drei Menschen rufen an, die etwas aufbewahren, das andere weggeworfen hätten. Detlef eine unerklärliche Stunde, Steffi eine Kiste voller Funde, Margret nur die guten Tage.

Detlef fuhr 1974 nachts mit dem Moped über einen Feldweg, als über dem Feld ein Licht stand. Danach war es eine Stunde später, und seine Armbanduhr, ein Konfirmationsgeschenk des Vaters, ging von da an jeden Tag eine Viertelstunde vor. Steffi ist Steuerberaterin und geht am Wochenende mit dem Metalldetektor über Äcker. Ihre Bilanz nach zwei Jahren: dreihundert Kronkorken, neun Schlüssel, ein einzelner Schlittschuh und vierundzwanzig Cent, alles im Fundbuch verzeichnet. Einmal glänzt ein silberner Ring in der Erde, und sie rennt damit zum Juwelier. Margret schreibt seit vierzig Jahren Tagebuch, elf Bände, und ein schlechter Tag bleibt darin einfach leer.

Eine Folge über Rätsel, die man behalten darf, über einen Menschen mit piependem Stock und einen Tagebucheintrag aus drei Worten: Birne am Fenster.

  • Rätsel
  • Metalldetektor
  • Tagebuch
23:05

Mit Ben, Kai, Jasmin und Hannelore

Drei Anrufe in dieser Nacht, drei heimliche Zweitleben. Kai verbringt Stunden mit etwas, das seine Frau für Spaziergänge hält. Jasmin arbeitet in der Buchhaltung und gilt in ihrem Bekanntenkreis als ehemalige Trapezkünstlerin. Und Hannelore gewinnt, und zwar dauernd.

Kai bewertet unter Pseudonym öffentliche Parkbänke nach Sitzkomfort, Aussicht, Wackelfreiheit und Taubenexposition, und vierhundert Leute lesen mit. Die Bank am Busbahnhof, Steig sieben, wackelt in zwei Richtungen gleichzeitig. Jasmins Karriere beruht auf drei Wochen Zirkusferienlager und einem Satz zu viel auf einer Feier, und nun droht ein Kindergeburtstag mit Zirkusmotto. Hannelore hat vierundzwanzig Gläser Senf im Keller, eine Sauna mit finnischer Anleitung in Einzelteilen in der Garage und ein Patenschaf namens Brünhilde, das sie wohl nie treffen wird.

Eine Folge über die kleine zweite Version, die jeder von sich hat, und über einen Umschlag im Briefkasten, der nichts will, sondern etwas bringt.

  • Doppelleben
  • Parkbänke
  • Gewinnspiele
31:24

Mit Ben, Tobias, Helga und Reinhard

In dieser Nacht rufen drei Menschen an, bei denen etwas ein Eigenleben entwickelt hat. Bei Tobias ist es die eigene Hilfsbereitschaft, bei Helga ein Saugroboter, und bei Reinhard die Marmelade, die er seit der Rente kocht.

Tobias hat im Chat für einen Umzug zugesagt, ohne zu wissen, wer umzieht. Seit einem „ich helf dir gern“ hat er einen schwedischen Kleiderschrank aufgebaut, den zornigen kleinen Hund Pesto gehütet und war sogar Trauzeuge eines Kollegen, dessen zweiten Vornamen er nicht kennt. Helgas Roboter heißt Günther, wie ihr Schwager, und hat die Katze Mimi auf den Schrank gejagt. Pirscht sie sich an, entwischt er ihr unters Sofa. Reinhard kocht vierzig Kilo Früchte pro Saison, der Pfarrer bekommt jedes Jahr drei Gläser, und seine Quitte mit Lorbeer hat sein Erzfeind Pohl vor allen mit dem Sud für die Weihnachtsgans verglichen.

Eine Folge über Dinge, die einem aus den Händen gleiten, und ein Glas Quitte, das der Pfarrer nicht ablehnen kann.

  • Hilfsbereitschaft
  • Saugroboter
  • Marmelade
25:32

Mit Ben, Matthias, Pia und Wolfgang

Diese Nacht gehört Dingen, die von außen völlig sinnlos aussehen. Matthias führt einen Gartenzwergkrieg mit seinem Nachbarn Achim. Pia ist aus Versehen in einen Verein geraten. Und Wolfgang bringt Lärm mit: Er lernt mit einundsiebzig Schlagzeug.

Achims erster Zwerg guckte genau wie Matthias, wenn ihn etwas nervt. Heute stehen elf an der Grenze, aufgerüstet wird nachts, am Zaun plaudert man übers Wetter, und Matthias' bester Zwerg liest auf einem Pilz Zeitung. Pia ist Schriftführerin im Brieftaubenverein und protokolliert stundenlange Streits über Ankunftszeiten, während Werner Eierlikör mitbringt, den keiner trinken will. Wolfgang war vierzig Jahre Fluglotse. Seine Frau setzt Kopfhörer auf, sobald er zum Keller geht, und er übt „In the Air Tonight“, seit Monaten bis Takt vier. Beim Schlagzeug, sagt er, klingt es wenigstens immer nach Schlagzeug.

Eine Folge über Dinge, die zu nichts führen, und über einen Mann, der jeden Tag wieder bei Takt eins anfängt.

  • Gartenzwerge
  • Brieftauben
  • Schlagzeug
28:38

Mit Ben, Kostas, Sieglinde und Jonas

Drei Anrufe in einer Nacht, und jeder hat seine eigene Temperatur. Kostas geht jeden Morgen einen Umweg wegen einer Taube. Sieglinde ruft an, um sich zu beschweren. Und Jonas wird seit einem halben Jahr Held genannt und kann mit dem Wort nicht leben.

Die Taube heißt Gisela, trägt einen weißen Fleck am linken Flügel und nickt im Stehen, was Kostas vom gewöhnlichen Laufnicken genau unterscheiden kann. Sieglinde war dreißig Jahre die Instanz eines Schulsekretariats. In ihrer Yogagruppe belegt eine Frau den besten Platz mit Kaschmirjacke und einem Fläschchen mit Zitronenscheibe, nennt sie Sieglindchen und wünscht ihr an der Supermarktkasse Namaste. Jonas hat nach einem Unfall an der Bundesstraße einen Fahrer aus dem Auto geholt. Seine Urkunde liegt in der Küchenschublade, unter den Speisekarten vom Lieferdienst.

Eine Folge über Umwege, die sich lohnen, über Ärger mit Präzision und über ein Wort, mit dem einer nicht leben kann.

  • Stadttaube
  • Yoga
  • Heldentum
36:48

Mit Ben, Bernd, Aylin und Frank

In dieser Nacht geht es um Beziehungen, für die es kein richtiges Wort gibt. Bernd führt seit zwei Jahren einen Krieg um den Parkplatz vor seinem Haus, gegen einen Mann, den er nie gesehen hat. Aylin muss sich an der Apothekentheke von einem Stammkunden verabschieden. Und Frank, dessen Tochter seit sechs Jahren keinen Kontakt zu ihm will, möchte einmal laut sagen, dass sie recht hat.

Bernds Gegner fährt einen silbernen Kombi und antwortet auf einen höflichen Zettel mit „Ich bitte um etwas Realität“. Bernd misst mit dem Zollstock nach, schreibt Entwürfe auf Karteikarten und sammelt jeden Zettel im Handschuhfach. Aylins Stammkunde nimmt beim Eintreten den Hut ab, kauft Pflaster ohne Wunde und bringt jeden Tag ein Wort aus seinem Kreuzworträtsel mit. Frank erzählt von einem Flötensolo in der Aula und einem Parkplatz davor.

Eine Folge über Nähe, die nicht wartet, bis man einen Namen für sie hat, und über Zettel, auf denen mehr steht, als draufpasst.

  • Parkplatz
  • Apotheke
  • Vatersein
34:18

Mit Ben, Kerem, Aylin und Wojtek

Kerem ruft zum ersten Mal irgendwo an, wegen einer Sache im Kino seines Onkels. Aylin hat zweimal aufgelegt und bleibt beim dritten Versuch. Und Wojtek sagt gleich, dass er nicht anruft, damit es ihm besser geht.

Der Onkel hat Kerem genommen, als ihn niemand wollte, und ihm sogar den Tresorschlüssel anvertraut. Seit drei Wochen lässt Kerem seinen besten Freund Tobi und dessen Freundin umsonst hinein und zieht abends zwei Tickets aus der Tageszahl, das Thermopapier noch warm unter dem Daumen. Aylin pflegt ihre Schwiegermutter, die sie fünfundzwanzig Jahre lang wie eine Zumutung behandelt hat. In einem klaren Moment hat die alte Frau ihre Hand gedrückt und einen Satz gesagt. Wojtek fuhr vierzig Jahre Fernverkehr. Die Lederhülle seines Schaltknüppels hängt am Nagel in der Garage, und er trägt eine Nacht im Nebel mit sich.

Eine Folge über das, was man behält, obwohl es einem nicht ganz zusteht, und über einen Daumen, der Leder blank reibt.

  • Kino
  • Pflege
  • Fernfahrer
28:03

Mit Ben, Tamara, Halil und Lasse

Tamara hat eine Delle ins Auto ihres Bruders gefahren, Halil lässt eine Hose auf dem Arbeitstisch liegen, und Lasse steht seit Tagen vor einem grauen Knopf.

Der alte Renault gehört Marek, der weit weggezogen ist, und die Telefonate der Geschwister enden nach zwei Minuten immer mit „alles gut bei dir“. Am Rückspiegel hängt noch sein Wunderbaum, Vanille. Halil hat eine Änderungsschneiderei. In der Hose stecken noch die Nadeln seiner Frau Nuray, schräg, wie nur sie sie gesteckt hat. Es war ihr letzter Auftrag. Lasse teilt sich nach der Trennung noch den Streaming-Account mit seinem früheren Partner und sieht jeden Abend, welche Folge der andere schaut. Dann erscheint ein neues Profil mit einem gelben Comic-Pinguin, und Lasse zoomt ihn heran, bis nur noch Klötzchen übrig sind.

Eine Folge über offene Dinge, in denen jemand noch ein bisschen da sein darf, und über einen Wunderbaum, der nur noch nach einer Idee von Vanille riecht.

  • Geschwister
  • Schneiderei
  • Trennung
26:00

Mit Ben, Yusuf, Nadja und Pjotr

Drei Menschen halten in dieser Nacht etwas fest, das sich kaum festhalten lässt. Yusuf, seit drei Wochen Nachtportier in einem Parkhaus, will wissen, ob er verrückt ist. Nadja räumt die Wohnung ihres verstorbenen Bruders aus und kommt an einer Tube Senf nicht vorbei. Und Pjotr, seit über sechzig Jahren Uhrmacher, tut etwas, das allem widerspricht, was er gelernt hat.

In der dritten Etage zeigt eine Kamera auf einen Verkehrsspiegel. Wer davor winkt, winkt unten im Glaskasten eine Sekunde später zurück, schwarzweiß und grobkörnig. Die Senftube ist mittelscharf, halb leer und noch sieben Monate haltbar. Pjotr nimmt jeden Abend die Knopfzelle aus seiner Armbanduhr, legt sie in eine Untertasse auf dem Nachttisch und lässt die Uhr absichtlich nachgehen. Ben fragt Yusuf nach dem Wie statt nach dem Warum.

Eine Folge über die Sekunde, in der man neben sich steht, und über ein kleines Plättchen, das nachts im Mondlicht silbern aufblitzt.

  • Parkhaus
  • Senf
  • Uhrmacher
21:34

Mit Ben, Deniz, Britta und Ferdi

Deniz, neunzehn, hat in seinem ersten Job einen Wellensittich verkauft, der gar nicht zu haben war. Britta hat ihrem Mann einen Fallschirmsprung geschenkt, und Ferdi, dreiundachtzig, legt jeden Tag eine Mohnschnecke auf eine Parkbank.

Deniz ist mit dem Bus durch vier Zoogeschäfte gefahren. Im vierten saß ein fast gleicher Vogel: blau, schwarzer Fleck am Hals, nur einen Zentimeter zu weit links. Auf der Heimfahrt pieksten seine Krallen durch den Pappkarton, tick, tick, tick. Brittas Gutschein lag elf Monate unter dem Spargelheber, dann ließ sie ihn wandern, hinter die Kochbücher, in die gute Jacke. Vorhin hat sie die Nummer vom Pizzadienst draufgekritzelt. Ferdis Schnecke war für die Tauben gedacht, bis ein Junge in zu dünner Jacke sie sich schnappte. Seitdem kauft Ferdi eine Schnecke mehr.

Eine Folge über kleine Heimlichkeiten, einen Zentimeter, der keine Ruhe lässt, und das Klacken einer Besteckschublade.

  • Heimlichkeit
  • Wellensittich
  • Mohnschnecke
21:09

Mit Ben, Sandra, Jannik und Doris

Sandra hat einen Kuchenwettbewerb gewonnen, ohne den Kuchen gebacken zu haben. Jannik erzählt zum ersten Mal jemandem von seinen Bienen. Und Doris, einundsiebzig, möchte keinen Rat, sie möchte nur einmal etwas laut sagen.

Der Kuchen stammt vom Bäcker Hoffmann, und bevor die Nachbarn kamen, hat Sandra sich Mehl an die Hände gerieben. Ben nennt das Method Acting. Nun hat Frau Köhler das angebliche Familienrezept nachgebacken, von einer Oma, die nie backen konnte. Jannik hält drei Völker auf dem Dach seines Mietshauses, bezahlt den Hausmeister in Honig und erkennt eine Königin an ihrem zu kurzen Flügel. Im Fußballverein weiß davon niemand. Doris ist seit sechsundvierzig Jahren mit Walter verheiratet. Er ist dement und hält sie für seine verstorbene Schwester Hanne, und Doris antwortet auf diesen Namen.

Eine Folge über Namen, die man sich leiht, verschweigt oder verschenkt, und über ein Summen auf dem Dach, das den Kopf leise macht.

  • Notlüge
  • Bienen
  • Demenz
28:42