Wie es ist
Folge 3

Wie es ist, zu erfahren, dass der eigene Sohn gemobbt wird

Um fünf nach fünf findet Kerstin neben ihrer Kaffeetasse das Handy ihres Sohnes, einen Zettel mit dem Code und einen Ordner mit dem Namen Vulkane. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme. Für Eltern, die nicht weiterwissen: Elterntelefon der Nummer gegen Kummer, 0800 111 0 550, kostenlos und anonym.

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8:32

Mit Kerstin

Neben der Tasse mit den Erdbeeren liegt um fünf nach fünf ein Handy, das nicht ihr gehört. Kerstin sitzt vor der Frühschicht an der Supermarktkasse in der Küche und liest den Zettel ihres Sohnes Levin: Code 4116, Ordner Vulkane. Er schläft nebenan, mit dem Hund Keks unter der Decke, und sie redet mit ihm.

Im Ordner liegen 140 Screenshots mit Datum. Der erste stammt vom Tag seines Vulkanreferats im September, nachdem die Küche drei Abende lang voller Pappmaschee war und aussah wie Pompeji. Die meisten Kinder aus dem Klassenchat kennt Kerstin, zu seinem 10. Geburtstag hat sie ihnen Muffins mit Smarties gebacken. Dann findet sie ein Foto von sich selbst, in der Weste an der Kasse, und denkt an die Mutter, deren Katzenfutter sie jeden Freitag scannt.

Eine Folge über eine Mutter, die im Morgengrauen zwei Monate zurückzählt, über Nachbarskinder auf der falschen Seite und über einen Jungen, der allein Beweise gesammelt hat. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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Mit Moni

Vier Uhr morgens in Neukölln. Moni, fünfundsiebzig, hat die Uhr ausgemacht, weil ihr Fahrgast auf dem Rücksitz eingeschlafen ist. Während sie wartet, erzählt sie ihm, was sie noch keinem erzählt hat. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

8:43

Mit Dennis

Das Glas läuft über, und Dennis lässt den Hahn einfach weiterlaufen. Er ist 37, Koch in einer Versicherungskantine in Deutz und trommelt im Karneval. Um halb fünf steht er in der Küche, Ayla schläft, und er redet mit seiner neuen Niere. Sie sitzt unten rechts im Bauch und stammt von seiner Frau.

Sechs Jahre Dialyse liegen hinter ihm: dreimal die Woche, je vier Stunden, mit 89 Fliesen an der Decke. Jeden Morgen hat er 750 Milliliter in einen Messbecher gefüllt und mit Edding Striche auf die Flasche gemalt. Die Soßen für 300 Essen hat er abgeschmeckt und wieder ausgespuckt. Gegen den Durst halfen gefrorene Weintrauben. Jetzt soll er 3 Liter am Tag trinken. Am Kühlschrank hängt eine Strichliste für jeden Gang zum Klo, und 3 Bananen liegen bereit.

Eine Folge über einen Durst, der endlich gestillt werden darf, über eine Frau, die ihre Niere anbietet wie einen geliehenen Schirm, und über einen Mann, der vor Sonnenaufgang zum ersten Mal die Amsel im Hof hört. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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8:34

Mit Hauke

Bei 70 Grad muss alles waschbar sein, so steht es auf der Liste von Haus Möwenblick, einem Flachbau hinter dem Edeka. Um halb vier bügelt Hauke Namensetiketten in die Unterhosen seines Vaters. Der schläft endlich, draußen geht der Herbststurm über den Deich, und Hauke redet leise mit ihm.

Achtunddreißig Jahre war der Vater Maschinist auf der Fähre. Den Namen seines Sohnes weiß er nicht mehr, aber einen Palstek knüpft er in 5 Sekunden, ohne hinzugucken. Angefangen hat es mit der Fernbedienung im Kühlschrank. Bei der Begutachtung hat er so charmant geflirtet, dass ein Pflegegrad fehlte. Die Nachbarin bringt Butterkuchen, Schwester Anke schickt Leberwurst aus München. Und der Troyer, der nach Pfeife riecht, kommt mit, Wäscherei hin oder her.

Eine Folge über die letzte Nacht in einem Haus am Deich, über Knoten, die die Hände behalten, und über einen Sohn, der beim Bügeln Abschied nimmt. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

  • Demenz
  • Pflege
  • Abschied
8:39

Mit Sanne

Klack, klack macht der Blinker, und Sanne hört es zum ersten Mal. Sie ist Floristin mit eigenem Laden in der Hauptstraße, und heute Morgen wurde ihr Cochlea-Implantat eingeschaltet. Jetzt sitzt sie im Regen auf dem Klinikparkplatz und redet mit ihrem Autole, das sie seit dreizehn Jahren fährt und das nach dem Ausmachen offenbar noch tickt.

Sechs Jahre war sie ganz taub, davor zwanzig Jahre halb. Die Wünsche ihrer Kundschaft hat sie vom Mund abgelesen: Tulpen, gelb, zum Siebzigsten, ohne Grünzeug. Überredet hat sie am Ende ihre Tochter Julia, mit einem Zettel. Nun klingt der Regen wie Fett in der Pfanne, alle Menschen wie Micky Maus unter Wasser, und ihr Mann Rolf soll ihr ab sofort jeden Abend vorlesen. Auf dem Handy wartet eine Nachricht von ihm, dreimal neu angefangen.

Eine Folge über ein Gehirn, das erst wieder lernen muss, was was ist, über raschelndes Seidenpapier und über einen Parkplatz, auf dem plötzlich alles Geräusche macht. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

  • Taubheit
  • Neuanfang
  • Ehe
8:48

Mit Olli

Zweimal klingelt Olli am Mittag bei sich selbst, und der Frau mit dem Kinderwagen erklärt er, er prüfe die Anlage. Fliesenleger halt. Nachts um halb zwölf sitzt er, über 50, im zweiten Stock links neben einer Matratze in Folie, rührt Ravioli und spricht seiner Schwester Martina eine Nachricht aufs Handy.

Neun Jahre ging seine Post an die Beratungsstelle. Er kennt jedes Klo der Stadt mit Öffnungszeiten, hat in der Regionalbahn bis Hamm geschlafen und sich jeden Morgen im Tagestreff rasiert, damit ihm keiner etwas ansieht. Nun hat er einen Schlüssel, nach dem er alle 10 Minuten in der Hosentasche tastet, und eine Ruhe, an die er sich nicht gewöhnt. Und er hat 2 Stühle. Für wen, weiß er noch nicht.

Eine Folge über einen Mann, der in der ersten Nacht das Wohnen wieder lernt, über einen Rucksack, der gepackt bleibt, und über einen Zettel mit einer Nummer, der vom vielen Falten ganz weich geworden ist. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

  • Obdachlosigkeit
  • Neuanfang
  • Geschwister
8:28